Kommentar: Geschwindigkeitsbegrenzung auf deutschen Autobahnen?

Deutschland, das Land der unbegrenzten Geschwindigkeiten. Weit über die Landesgrenzen hinaus ist die „German Autobahn“ berühmt, wenn nicht gar berüchtigt für grenzenlosen Fahrspaß.

Wie Tom Hanks in seinem doch recht bekannten Video schon sagte: „Drive as fast as you want!“

Die Diskussion

Während das limitfreie Fahren lange Zeit kaum einmal in Frage gestellt wurde, werden in letzter Zeit die Rufe lauter, die nach einer generellen Geschwindigkeitsbegrenzung auf allen deutschen Straßen verlangen.

Jüngst kam der SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel mit der Idee um die Ecke, Tempo 120 auf allen Autobahnen in Stein zu meißeln. Dabei stieß er zwar kurzzeitig auf die Gegenliebe der Grünen – wurde aber schließlich sogar von der eigenen Partei schnellstens zurückgepfiffen, letztendlich wollen auch die Herren SPD-Politiker im dicken Dienst-Audi zügig zum nächsten Termin kommen.

Wir nehmen uns die Diskussion heute zum Anlass, einen kleinen, wohl mit dem schnellen Kolben verdichteten Kommentar abzugeben.

Das sagt die Statistik

Geht es in der Diskussion heiß her, kommt eigentlich stets nur ein Argument zum Tragen, wenn für ein Tempolimit argumentiert werden soll: Die Sicherheit.

Generell steht zwar fest, dass die Straße hinter Bahn und Flugzeug das unsicherste Terrain ist, inwieweit Autobahnen jedoch in die Unfallstatistiken einfließen, bedarf einer genaueren Recherche.

Die nackten Zahlen besagen Folgendes: Auf den 12.845 deutschen Autobahn-Kilometern, die insgesamt „nur“ 1,8% des Verkehrsnetzes ausmachen, aber ein Drittel des gesamten Verkehrs auffangen, wurden in 2012 17.839 Unfälle verzeichnet. Hierbei kamen 387 Menschen ums Leben, das sind ungefähr 10% aller Verkehrstoten.

Obwohl Autobahnen ein Drittel des Verkehrsflusses ausmachen, geschehen nur 6% aller Unfälle mit Personenschäden auf diesen. Den größten Anteil machen die Landstraßen aus, hier sterben 60% aller Verkehrstoten, hauptsächlich durch überhöhte Geschwindigkeit in Kurven und beim Aufprall auf Bäume.

Die Faktenlage zeichnet also nicht unbedingt ein einheitliches Bild. Einerseits geschehen trotz des hohen Verkehrsaufkommens recht wenig Unfälle, andererseits sind diese dann deutlich tödlicher als zum Beispiel im Stadtverkehr.

Um einen korrekten Überblick zu erhalten, müssten aus diesen Zahlen selbstverständlich noch die Unfälle mit LKWs herausgerechnet werden, die in den meisten Fällen sowieso nicht schneller als 120 km/h fahren und durch eine Geschwindigkeitsbegrenzung wahrscheinlich nicht beeinflusst werden würden.

Alles Raser?

Über einen Kamm scheren ist leicht, differenzieren schon schwieriger. Zum einen gibt es den „Schnellfahrer“, der vom „Raser“ unterschieden werden muss. Letzterer verhält sich oft rücksichtslos, tritt bei jeder Gelegenheit voll aus Gas und zeichnet sich durch riskante Überholmanöver, dichtes Auffahren und Geschwindigkeitsüberschreitungen bei geltenden Tempolimits aus. Generell lässt sich dieser in Zeiten der Blitzer-Warner Apps wahrscheinlich nur teilweise ausbremsen. Wähnt er sich gefeit vor staatlicher Verfolgung, heißt es trotzdem „put the pedal to the metal“.

Der Schnellfahrer hingegen ist sich seiner Verantwortung wohl bewusst und setzt diese auch direkter in seinem Verhalten um. Er gibt nur Vollgas, wenn die Strecke frei ist und auch bei hoher Geschwindigkeit kein zu großes Risiko besteht.

Wunderbar unterteilt in Schwarz und Weiß. Die Realität sieht – wie sollte es auch anders sein – natürlich ganz anders aus. Die Grenzen zwischen Raser und Schnellfahrer verschwimmen in dem gleichen rasanten Tempo, in dem sich auch die Top-Speedler bewegen. Eine zweifelsfreie Unterscheidung ist wohl unmöglich – und auch von der Situation abhängig.

Spritverbrauch & Ökologie

Bitte, wen interessiert bei 250 km/h und mehr noch der Spritverbrauch? Wer gerne so fix unterwegs ist, weiß recht genau, was dabei so durch den Tank geht.

Interessanter ist da schon die Frage, ob sich durch ein Tempolimit die Schadstoffbelastung reduzieren lassen würde. Generell ist dies zu bejahen, flüssigerer Verkehr mit weniger Brems- und Beschleunigungsvorgängen ist hier ein entscheidendes Stichwort. Außerdem wird bei höheren Geschwindigkeiten logischerweise auch mehr Treibstoff verbrannt – und somit mehr Emissionen produziert. Ob sich durch längere Fahrzeiten die Gesamtbilanz wieder gen Null oder gar ins Negative wenden würde, diese Rechnung überlasse ich gerne den sogenannten Experten.

Die Richtgeschwindigkeit…

beträgt offiziell 130 km/h und ist ein Witz vergangener Tage, in denen nur wenige Fahrzeuge schneller waren. Sie ist überdies nur ein Vorschlag und stammt von 1978. Der Name besagt es zwar – richten „tut“ sich danach aber in Wirklichkeit niemand.

Wie reagiert der Deutsche auf das Tempolimit?

Wer auch immer es einführt, viel mehr als 5% bräuchte er bei der nächsten Wahl nicht zu erwarten. Das Auto wird nicht umsonst oft als des Deutschen liebstes Kind bezeichnet. Dazu gehört selbstverständlich auch eine Autobahn, auf der man so schnell fahren kann, wie es einem gerade in den Sinn kommt.

Die Amerikaner haben ihre Waffen, wir unsere Autobahn. Mit einem Aufschrei der Entrüstung ist auf alle Fälle zu rechnen, Demonstrationen in den Städten und vor Peter Ramsauers Privathaus sind nicht ausgeschlossen.

Autobahn1

Wie reagiert die Automobilindustrie?

Wenn schnelle Autos gefahren werden gibt es natürlich auch immer jemanden, der diese gekauft hat. Die großen deutschen Hersteller der Mittel- und Oberklasse würden wohl ihr Möglichstes tun, um eine Geschwindigkeitsbegrenzung zu verhindern. Das reicht von ausgeprägter Lobbyarbeit, die in der Geschichte wohl noch selten ihre Wirkung verfehlt hat, über Aufstachelungen und Organisierung von Kampagnen zum Sturz der Regierung.

Denn wer kauft noch die Top-Motorisierung, wenn er sie sowieso nicht ausfahren kann?

Bei 120 km/h Höchstgeschwindigkeit

… kommen die meisten Menschen wohl langsamer an ihr Ziel. Dieser Faktor wird oft außer Acht gelassen. Ist man auf den „großen“ Autobahnen unterwegs, auf denen größtenteils freie Fahrt herrscht, ist es ein gewaltiger Unterschied, ob man mit 120 oder 200 km/h vorwärts kommt. Hier kann rund 40% an Zeit gespart werden, wenn die Strecke frei und der Spritverbrauch eher nebensächlich ist.

… hat man deutlich weniger Spaß. Nicht zuletzt auch wegen des Nervenkitzels und des Adrenalinschubs werden gerne hohe Geschwindigkeiten gefahren. Vielen Menschen macht es einfach Spaß, schneller als die meisten anderen zu sein und ihre teuren Fahrzeuge auszufahren, deren Anschaffung sonst teilweise sinnlos gewesen wäre.

… rasen trotzdem viele. Wie oben schon angesprochen, lassen sich einige Fahrer wohl auch nicht durch ein Tempolimit abschrecken und überschreiten die Höchstgeschwindigkeit um 50 oder gar 100%.  Da alle anderen deutlich langsamer unterwegs sind, stellt dies eine größere Gefahr dar, als bei allgemein höherer Grundgeschwindigkeit.

Erhöhte Sicherheit?

Klar, bei niedrigeren Geschwindigkeiten fallen Unfälle weniger schwer aus oder entstehen gar nicht erst. Ob sich nun die Zahl der Unfälle oder „nur“ die Anzahl der Verkehrstoten reduziert – auch glühende Verfechter der schnellen Untertassen können nur schwerlich gegen den Aspekt Sicherheit argumentieren.

Auf eigenes Risiko

Derzeit entscheidet jeder selbst, wie schnell oder langsam er oder sie unterwegs sein möchte.

In den meisten Fällen bedeutet schneller zu fahren stets irgendeine Art von Risiko, die jeder individuell bewertet und zusammen mit Faktoren wie Verkehrsdichte und Limitierungen des Fahrzeugs die die schlussendlich gefahrene Geschwindigkeit bestimmen.

Generell könnte man meinen: Jeder so schnell er mag! Problematisch wird es an der Stelle, an der andere Verkehrsteilnehmer durch die eigene, hohe Geschwindigkeit in Gefahr gebracht werden. Natürlich hängt diese Gefahr immer von der persönlichen Einstellung zu den Verkehrsregeln ab und man sollte von jedem erwarten können, auch die Sicherheit der anderen im Blick zu haben.

Unzählige Unfälle beweisen leider das Gegenteil – und die Rechte des einen hören da auf, wo die Rechte der anderen beginnen.

Fazit

Die wichtigsten Argumente sind gehört, ein Urteil fällt trotzdem schwer. Pro Sicherheit und Ökologie. Kontra persönlicher Freiheit, Zeit, der Industrie und Eigenverantwortlichkeit.

Darüber hinaus ist die deutsche Autobahn, trotz der mehr oder weniger einmaligen Stellung auf der Welt, eine der sichersten überhaupt und gehört im EU-weiten Vergleich zum oberen Viertel.

Das Urteil deswegen kurz und knackig:

Ich glaube nicht, dass in den nächsten Jahren ein Tempolimit auf allen Autobahnen eingeführt wird – und finde das persönlich auch gut so.

Bildquelle: Flickr (credit_00) / Flickr (Roadrunner38124) / Lizenz: Creative Commons zur kommerziellen Nutzung

About Lars Schwethelm

Auch Lars ist der Passion "Automobil" verfallen und schreibt für NewCarz über neue technische Entwicklungen und Autos.

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