Kolumne: E-Mobility: Allheilmittel oder Placebo?

Gegen den Strom? Gibt es im Grunde nicht. Zumindest gibt es kaum einen Bereich in der automobilen Welt, der noch nicht mit dem Thema E-Mobility direkt oder indirekt in Zusammenhang gebracht wurde. Wobei E-Mobility nur von seiner Bezeichnung relativ neu ist – oder besser – wirkt.

Spätestens seit dem weltweit ersten, im Jahre 1888 erschienenen Elektroauto, dem Flocken Elektrowagen, gibt es das Bestreben nach dem salonfähigen Elektroantrieb. Neben einigen Nischenfahrzeugen blieb der Durchbruch allerdings viele Jahrzehnte aus.

Seit der 1990er begann dann eine E-Mobility Renaissance, welche bis heute anhält und sich in den letzten Jahren  signifikant verstärkte.

Ein von Politik und Staat subventionierter und den Medien etablierter Trend entwickelte sich, an dessen Teilnahme jeder Automobilhersteller moralisch und wirtschaftlich verpflichtet wurde.

Ignoranz dessen bedeutete Sanktionen, Kritik, Gesichtsverlust und Ausschluss. Argumente wie Umweltverantwortung, ökologische Nachhaltigkeit, Klimaschutz und viele mehr, wurden zum Sinnbild einer globalen Rettungsmaßnahme, die weit über das der automobilen Themenwelt hinausgeht.

Diese Maßnahmenstrukturen, welche allein dem Umweltschutz dienen – oder dienen sollten, sind allerdings nicht Thema dieser Kolumne und würden den Rahmen dieser in jeder Hinsicht sprengen.

Daher bleiben wir bei der E-Mobility, durch dessen Wirkung  heute fast keinen automobilen Hersteller mehr gibt, der nicht in irgendeiner Form dieser – mehr oder weniger – gerecht wird.

Vom kleinen Schritt, wie beispielsweise dem Verbrennungsmotoren-Klassiker mit rekuperationsfreudigen Bremssystem, über das Hybridmodell bis zur gipfelnden Objektbegierde, dem reinen Elektromobil.  In jeder Modellpalette findet sich eine blechgewordene Ode an die Elektromobilität.

Nicht zu vergessen ist der Vorreiter auf dem Gebiet, der amerikanische Hersteller Tesla Motors, wo ein Genie und Visionär namens Elon Musk durch seine Pionierarbeit bereits den einen oder anderen Meilenstein in der E-Mobility außerordentlich erfolgreich absolviert hat.

Was ein Elektromobil dieser Marke an Leistung aufwarten kann, sieht man beeindruckend in folgendem Video, in dem der Tesla S P85D – eine zwei Tonnen schwere Limousine –  in puncto Beschleunigung so ziemlich alles blamiert, was Rang und Namen hat.

 

Doch es gibt mittlerweile immer lauter werdende Kritik an diesem Trend.

Neben den hohen Produktionskosten und diversen Abhängigkeiten zu den Bereichen Energiegewinnung und Recyclingverfahren, ist die Effizienz in den Fokus von Skeptikern geraten. Diese sei bei weitem nicht so hoch wie sie gern von Befürwortern und Herstellern den Verbrauchern marketingoptimiert vorgerechnet wird.

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Regenerative Energiegewinnung steckt noch tief in den Kinderschuhen.

Einer der Kritiker ist Leiter des Karlsruher KIT-Instituts für Kolbenmaschinen, Prof. Ulrich Spicher. Er bringt zur Diskussion, dass ein Verbrennungsmotor mit den durch reelle Gegebenheiten korrigierten Verbrauchswerten eine bessere Energiebilanz habe, als angenommen.

Bei weiterer Berücksichtigung von Einflüssen wie Temperatur und Geschwindigkeiten,  zusätzlich notwendigen Nebenverbrauchern wie Heizung, Klimatisierung etc., den Wirkungsgraden von Kraftwerken und den Leitungs- und Akkuverlusten beim E-Antrieb, sei die Well-to-Wheel  (Quelle bis Rad) Effizienz sogar geringer als bei Verbrennungsmotoren.

Spicher resümiert, dass bei Verwendung von Kohlestrom zum Beispiel  ca. 1,6-mal mehr Treibhausgas freigesetzt werde als durch Verbrennungsmotoren.

Außer acht bleibt hier allerdings der Verlust, der von der Ölquelle bis zur Zapfsäule auftritt und dadurch auch die Effizienz der Verbrennungsmotoren zusätzlich schmälern dürfte.

 

Verbrennungsmotoren sind noch nicht am Ende

Dennoch sprechen auch heutzutage einige wichtige Aspekte für den Verbrennungsmotor, die nicht von der Hand zu weisen sind. Die Effizienz dieser wurde in den letzten Jahren stark verbessert und noch immer scheint das Prinzip noch nicht ausgereizt zu sein.

Auf der anderen Seite steckt die regenerative Energiegewinnung noch immer in den Kinderschuhen und benötigt vorsichtig geschätzt noch Jahrzehnte bis zu einem Durchbruch mit Nachhaltigkeit.

Dazu kommen hohe Herstellungskosten bei den Antriebs- und Speichersystemen für die Technologien der E-Mobility. Die höheren Emissionen, welche bei der Produktion von Hybrid- oder reinen Elektromodellen entstehen, muss man ebenso berücksichtigen.

Allein das Verhältnis vom CO2-Ausstoß für die Produktion eines herkömmlichen PKW zu einem Plug-In-Hybrid, liegt bei 6 Tonnen zu 9 Tonnen, so eine Studie des Instituts für Energie- und Umwelttechnik. Der Wasserverbrauch verdoppelt sich dabei sogar, die Feinstaubemissionen erhöhen sich ebenso stark.

Das Speicherproblem ist ein weiterer Kritikpunkt. Denn selbst modernste – und dadurch extrem teure – Lithium-Ionen Speicher schaffen nur 3.000 Ladezyklen mit einer über 80% liegenden Kapazität. Dazu kommt ihre Kälteempfindlichkeit, der durch teure Dämmung und Heizung der Speicherelemente  entgegengewirkt werden muss.

Das Recycling von Energiespeichern ist ebenfalls kostenintensiv, da aufwändig.

Fragwürdig ist auch die uneinheitliche Herangehensweise an die Realisierung von E-Mobility. So schwört ein Teil auf kleine, leichte Elektroautos. Jedoch sind kleine und leichte Autos bereits von Haus aus meist sparsam. Ein großes Fahrzeug wie ein Bus oder LKW hätte da viel mehr Einsparpotential, weiß der andere Teil zu argumentieren, und die zusätzliche Investition wäre signifikant eher amortisiert als bei jedem PKW-Modell.

Die Qual der Wahl – oder Wahl der Qual?

Schlussendlich muss jeder selbst entscheiden, ob er den Trend unterstützt oder nicht. Die hohen Anschaffungskosten und der bittere Beigeschmack, dass man trotz Elektroantrieb den Strom mitunter aus emissionsstarker Gewinnung verbraucht, sprechen eher dagegen. Das kann sich erst ändern, wenn das gesamte Energiegewinnungssystem auf regenerativen Ressourcen basiert. Das aber dauert, wie bereits geschrieben, noch viel Zeit.

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Herkömmliche Verbrennungsmotoren sind effizienztechnisch noch nicht ausgereizt.

Auch der momentane Marktführer Tesla Motors räumt noch etwas Zeit ein – für Modelle, die für jeden erschwinglich sein werden. So soll 2016 das Modell 3 vorgestellt werden, welches in Passat-Größe mit 400 km Reichweite und einem Preis von reichlich 30.000 Euro die Mittelklasse beflügeln dürfte. Zu haben ist dieses Elektroauto dann frühestens 2017. Wenn das Modell dann die versprochenen Parameter besitzt, wäre das ein weiterer kleiner Durchbruch für die E-Mobility.

Fazit – E-Mobility ist (noch) kein Allheilmittel, aus vielen Gründen jedoch notwendig

Bei allem Potential die von dem elektrischen Antriebsprinzip ausgeht:
Der ökologische Vorteil aus E-Mobility welcher uns momentan aus vielfach politischen und marktwirtschaftlichen Gründen suggeriert wird, ist eines in jedem Fall: maßlos übertrieben.

Aber: Die Endlichkeit bzw. Knappheit unserer Energieressourcen zwingt uns aufgrund unseres seit Jahrzehnten maßlosen Umgangs mit Energie, zu alternativen, aufgeschlossenen Denkansätzen und dem Beschreiten neuer Wege.

Dass nicht jeder Weg der richtige sein kann, liegt in der Gesetzmäßigkeit von Entwicklungen.

Eine Bereicherung für das Automobilsegment sind Hybriden und E-Mobile in jedem Fall – werden dadurch nicht zuletzt wichtige Erfahrungen und Erkenntnisse für zukünftige Herangehensweisen gewonnen.

Ob uns die E-Mobility langfristig in eine echte Mobilitätsalternative führt, vermag noch niemand mit Sicherheit vorherzusagen. Und wenn es dennoch jemand macht, dann ist er entweder ein Scharlatan oder ein Politiker. Oder vielleicht beides?

Doch spätestens wenn Elektroenergie bedarfsdeckend aus regenerativen Quellen gewonnen werden kann, wäre E-Mobility eine echte Alternative. Eine – so hofft man zumindest – von mehreren.

 

Text: NewCarz / Video: DragTimes

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