VW Golf Sportsvan – Bieder war gestern

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Der Nachfolger des ehrwürdigen Golf Plus hört neuerdings auf den Namen Golf Sportsvan. So jugendlich wie der Name klingt, gibt sich auch das Äußere des Kompakten mit Hochdach. Doch vergisst VW damit seine bisherige Kundschaft der Best-Ager? Wie viel Golf steckt in ihm und welches Potenzial hat er? All das klärt der ausführliche Fahrbericht.

900.000 Einheiten verkaufte VW vom kürzlich ausgelaufenen Golf Plus. Dies ist ein immenser Anteil, besonders, wenn man sich vor Augen führt, dass der Golf Variant weniger häufig abgesetzt wurde. Doch bislang galt die Hochdach-Version des kompakten Wolfsburgers eher etwas bieder; meist fand man gesetztere Passagiere an Bord. Doch das soll sich jetzt ändern: Ein frisches Design, knallige Farben und ein Fahrverhalten allererster Güte zeichnen ein Auto aus, das viele Facetten hat – so auch der Sportsvan.

Design

Ganz klar ein Golf! Doch irgendetwas ist anders. Erst auf den zweiten Blick nimmt man wahr, dass das Dach dieses Golf eine Etage höher angesiedelt ist. Distanzierte sich der Vorgänger klar vom normalen Golf, zeigt der neue Sportsvan eindeutig seine Familienzugehörigkeit.

An der Front wirkt der neue Spross betont breit: Der obere Kühlergrill akzentuiert mit seinen drei teils verchromten Lamellen die horizontale Gestaltung und wird durch den großen unteren Kühllufteinlass nochmals betont. Angriffslust zeigen sich auch die angeschrägten Scheinwerfer, die ihren diagonalen Verlauf in der Abgrenzung der Nebelscheinwerfer wiederfinden. Zusammen mit dem Xenon-Licht ergibt sich ein bei einem Van noch nie da gewesenes Überholprestige.

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Dabei lassen die Sicken und Kanten den Wolfsburger sehr ernst und erwachsen wirken und zeigen, dass hier das Styling im Mittelpunkt stand. Dies sieht man besonders an der Motorhaube, mit ihren gepfeilten Bügelfalten, sowie an der ausgestellten Seitenlinie und den modellierten unteren Türen. Skulptural gibt sich die Seitenlinie und fängt damit die Blicke ein. Doch anders, als es heutzutage der Trend ist, darf das Greenhouse mit großzügigen Fensterflächen glänzen und findet damit wieder den Anschluss an die von einem VW gewohnte Praktikabilität. Doch auf die Details kommt es an: So sind es zum Beispiel die vorgezogenen Außenspiegel mit ihrer Dreiecksform, die kleinen vorderen Dreiecksfenster oder aber der trapezförmige Tankdeckel, die verzücken. Doch bei all den sportlichen Züge, darf natürlich die Eleganz nicht zu kurz kommen. Die Chromleiste rund um die Seitenfenster gebärdet sich nicht als minderwertiger Kunststoff, sondern scheint aus den Vollen gefräst zu sein. Hinzu kommt ein polierter Glanz, den man allerhöchstens von Studien kennt.

Rückseitig zeigt der Sportsvan wieder klar, dass er zur Golf-Familie gehört: Die breite C-Säule, der von zwei, in hochglanz-schwarzen Leisten eingefasste, kleine Dachspoiler und die großen kristallartigen Rückleuchten zeigen nicht nur die Verwandtschaft, sondern auch, dass ein Van nicht immer langweilig aussehen muss. Hinzu kommt ein angedeuteter kleiner Diffusor und – je nach Motorisierung – ein oder zwei sichtbare, angeschrägte Auspuffrohre.

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Alles in allem ist der neue Sportsvan optisch zum Dynamiker geworden, was ihn klar als Konkurrenten zum kommenden Münchner Kompaktvan positioniert. Besonders hervorgehoben wird die Sportlichkeit durch die formschönen Alufelgen des Testwagens, sowie durch die Aufmerksamkeit erregende rote Außenfarbe.

Interieur

Wer einen Volkswagen-Innenraum kennt, kennt sie alle. Doch ist daran etwas Verwerfliches zu finden? Mitnichten! In diesem Innenraum sollte sich jeder, vom 17-Jährigen Fahranfänger bis zum Rentner auf Anhieb zurecht finden. Alles liegt gut erreichbar dort, wo man es vermutet und braucht.

Das aus dem Golf bekannte Navigationssystem gefällt mit einer sicheren Bedienbarkeit, einem berührungsempfindlichen Touchscreen sowie seiner hohen Positionierung. Ein Highlight dieses Geräts sind die Menütasten, die nur auf Anforderung auf den Bildschirm fliegen. Nähert man sich mit dem Finger erscheinen sie, wie von Geisterhand; entfernt man seine Hand, verschwinden auch die Tasten wieder.

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Doch was im Interieur wirklich auffällt, ist die fast nicht zu glaubende Qualität der verbauten Materialien. Die Oberseite des Armaturenbretts ist mit einem derart weich unterschäumten Kunststoff gesegnet, dass man fast glaubt, auf den Airbag verzichten zu können. Und auch die anderen Oberflächen strahlen eine Solidität aus, als könne man im Interieur eine Bombe zünden, ohne Schaden zu hinterlassen. Dies zeigt sich an satt rastenden Drehrädchen, akkuraten Fugenmaßen und Oberflächen, die perfekt eingepasst sind.

Platztechnisch herrscht jedoch Verwunderung: Es ist fast egal welche Größe oder Statur man besitzt, man fühlt sich auf jedem Platz im Sportsvan enorm gut aufgehoben. In alle Richtungen hat man genügend Bewegungsfreiheit: Seien es die Knie, die Füße oder der Kopf, eng wird es nie. Hinzu kommt, dass VW dem Golf Plu… pardon, Sportsvan eine Vielzahl an sinnvollen Ablagen und Fächern spendiert hat. Beispielsweise zeugen die Klapptische an den Rückenlehnen der Vordersitze von praktischem Denken. Aber auch das große Fach vor der Mittelarmlehne im vorderen Innenraum überzeugt: Hier sind nicht nur zwei auf Knopfdruck ausfahrbare Cup-Holder installiert, sondern auch ein pfiffiger Spanngurt, der das Fach zusätzlich unterteilt und Variabilität ins Spiel bringt.

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Variabilität ist ohnehin eine der großen Kernkompetenzen dieses Volkswagens: Eine verschiebbare Rückbank lässt die Wahl, ob der Raum für die Hinterbänkler oder aber für das Gepäck vergrößert wird. Dabei fällt der Kofferraum mit einem angenehm großen Maß auf, das für die allermeisten Alltagsaufgaben gewappnet sein sollte. Dazu muss allerdings gesagt sein, dass die angegebenen 500 Liter nur in der mittleren Position der Rückbank realisiert werden.

Zusätzlich lässt sich die Neigung der Rückenlehne justieren und der Beifahrersitz umklappen. Somit wird der Sportsvan zum Quasi-SUV: Surfbretter, Skier und anderes langes Sportequipment lassen sich problemlos tansportieren. Dabei fällt die Bedienung kinderleicht: Die Rücksitzlehnen sind ebenso einfach umgelegt, wie der Beifahrersitz und der doppelte Ladeboden ermöglicht eine glattflächige Ebene.

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Auch die restliche Bedienung geht leicht von der Hand: Der Lichtschalter sitzt dort, wo er immer sitzt, die Lenkstockhebel sind nicht überfrachtet und selbst das, mit einer kleinen Klaviatur versehene, Lenkrad gibt wenig Rätsel auf. Die Menüführung der Bordcomputers, sowie der Assistenzsysteme funktioniert tadellos. Es stellt sich lediglich die Frage, warum es nötig ist, den Tempomat mit zwei Tasten zu aktivieren? Manches lässt sich eben doch nicht verbessern.

Fahrverhalten

Ein Golf ist ein Golf, ist ein Golf, ist ein Golf, ist ein Golf. Und das ist auch gut so. Einsteigen, Zündschlüssel umdrehen und losfahren: Nirgends sonst gelingt das Fahren auf Anhieb so einfach, wie im Wolfsburger Dauerbrenner.

Der Motor ist ein alter Bekannter: Der 1.4 Liter große Turbo-Direkteinspritzer entwickelt 92KW (125PS) und stellt sich als unaufgeregter Alltagsbegleiter heraus. Schon aus niedrigen Drehzahlen spricht das Aggregat druckvoll, aber nicht überschäumend an und dreht willig das Drehzahlband hinauf. Die Puste geht dem Antrieb dabei nie so richtig aus: Vom Gefühl her könnte man auch einen kräftigen Saugmotor vermuten. Optimal unterstützt wird der Motor dabei von der butterweichen Schaltung, deren gleichzeitige Präzision manchem Sportwagen gut zu Gesicht stünde. Doch hier zeigt sich auch der Sparwille der Konstrukteure: Die Gänge sind, jeder für sich, recht lang übersetzt, sodass es an Steigungen fast unvermeidlich ist einen oder zwei Gänge herunterzuschalten. Dies ändert aber nichts am präzisen Schaltgetriebe und seiner einfachen Schaltbarkeit.

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Überraschungen birgt das optionale DCC-Fahrwerk: Ganz gleich, welcher Modus ausgewählt ist, der Sportsvan steckt jegliche Verwerfungen locker weg. Dabei zeigen sich zwischen den einzelnen Modi aber erfahrbare Unterschiede. War es bislang so, dass nur sensible Naturen die Auswahl unterscheiden konnten, macht das Derivat in diesem Wolfsburger jeden Modus für sich erfahrbar. Zusätzlich ist es möglich, sein Lieblings-Setup in der Individual-Einstellung zu speichern.

So zeigt der Sport-Modus spürbar gestrafft Dämpfer und eine Lenkung, die nach einer stärkeren Hand fordert. Doch hart oder gar unkomfortabel wird es selbst in dieser Auslegung nicht, da starke Unebenheiten, wie z.B. Krefelder Kissen, hervorragend pariert werden.

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In „Normal“ lassen die Wiederstände spürbar noch, um in „Komfort“ fast gänzlich von störenden Einflüssen unbehelligt zu bleiben. Wie schluckfreudig die Feder-/Dämpfer-Kombination dabei ist, lässt sich mit Worten fast nicht festhalten. Einzig die Lenkung wird in dieser Stellung etwas rückmeldungsarm, aber dafür gibt es ja die individuelle Einstellmöglichkeit.

Resümee

Bislang galt diese Version des Golf immer als Auto für eine gewisse Klientel, die sich werbewirksam „Best Agers“ nennt. Doch mit dem Sportsvan schafften die Wolfsburger den Spagat zwischen dieser Gruppe und einer neuen: Jungen Familien. Das schmucke Design, die durchaus sportlichen Attribute und nicht zuletzt Motoren, die teilweise nur 95g CO2 emittieren sprechen sowohl ein  junges, als auch ein gesetzteres Publikum an. Da verwundert es nicht, dass VW dieses Modell optional mit einer wahren Armada an Assistenzsystemen aufrüstet, darunter auch Neues, wie z.B.  einen Auspark-Assistenten oder eine Progressiv-Lenkung. Letztendlich stellt sich die Frage, wo die Abstriche zu machen sind.

[alert alert_type=“info“ ] Fahrzeugschein: VW Golf Sportsvan 1.4 TSI

Länge x Breite x Höhe (mm): 4338 x1807 x 1578

Motor: 4-Zyl.- Ottomotor TSI BMT

Leistung:  92KW (125PS)/ 5000-6000 U/Min

Hubraum: 1395 ccm

Max. Drehmoment: 200 Nm  bei 1400-4000 U/Min

Getriebe: 6-Gang manuell

Durchschnittsverbrauch (NEFZ-Norm):  5,6 – 5,4 Liter /100 km

Emissionsklasse: EU6

CO2-Emissionen: 130 – 125 g/km

Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h

Beschleunigung von 0 auf 100 km/h: 9,9 s

Leergewicht / Zuladung:  1362/ 593

Kofferraumvolumen: 500 – 1520 L

Wendekreis: 10,48 m

Preis: ab 19.625€ (Ausstattungslinie: Style)

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Bilder: Mikhail Bievetskiy mit Canon 1Dx und 24-70 Ver. II für NewCarz

 

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