Volkswagen e-Golf – Gewohnt anders

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Wenn die Wolfsburger etwas angehen, dann schöpfen sie aus den Vollen. Umso weniger verwundert es, dass man sich bisher in Themen wie Elektromobilität zurückgehalten hatte, um den Wettbewerb abzuwarten. Nun schlagen sie zum Konter aus und elektrifizieren ihren Kassenschlager. Bühne frei für den Volkswagen e-Golf, den wir im Rahmen des electrified! Events im hektischen Berlin testen konnten.

Erster Blick: Ein echter Golf

Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Stromer nicht vom normalen Golf, ist er schließlich auf der selben MQB-Plattform erbaut worden. Erst bei genauerer Betrachtung wird klar, dass er sich von den anderen abhebt: Kontrastnähte am Lenkradkranz, Farbakzente sowie Applikationen, die sich in der Farbe Blau über das Interieur und Exterieur erstrecken. Doch spätestens am c-förmigen Tagfahrlicht erkennt auch der Laie, dass wir vor einem Stromer stehen und nimmt Platz hinter dem Volant.

Jungfernflug auf Tempelhof

Leider wird in Berlin der Flughafen Tempelhof nicht mehr aktiv benutzt, aber die Wolfsburger reaktivierten ihn für das electified! Event und brachten zwölf verschiedene Modelle mit alternativen Antrieben nach Berlin, die noch bis zum 16. März dort erprobt werden können. Um ein möglichst realistisches Bild von den Fahrzeugen zu bekommen, entschlossen wir uns  in die Innenstadt zu fahren. Wenige Minuten später steckt schon der Schlüssel im Zündschloss. Es ertönt ein Hinweiston und der e-Golf meldet sich mit einem „READY“-Schriftzug zum Dienst.

Raus aus dem hektischen Alltag

Die Hauptstadt ist leider nicht für Ruhe, sondern eher für Hektik und Stop’n’Go-Verkehr bekannt. Auf dem Weg in die Innenstadt, verlassen wir den Flugplatz und sind angenehm überrascht, dass die Geräuschkulisse in der Fahrgastzelle auf einem sehr geringen Niveau bleibt. Auch bei etwas höheren Geschwindigkeiten sind lediglich die Abrollgeräusche der Reifen zu vernehmen. Einen Motor haben wir während der gesamten Fahrt nicht gehört. Und hier erkennt man auch die Strategie der Wolfsburger, die darin begründet ist, dass der Kunde nichts von veränderter Technik mitbekommt. Ja, der Antriebsstrang ist technisch gesehen innovativ und neu. Auch die verbaute Batterie im Unterboden spricht für die Ingenieurskunst von Volkswagen [siehe auch Fahrbericht zum Volkswagen XL1]. Doch die Innovation steckt im Detail: Theoretisch könnte man die gesamte Technik auch in einen Passat oder Polo stecken und hätte keine zusätzlichen Entwicklungskosten. Auf diese Weise nutzt man Skaleneffekte und kann dem Kunden ein günstigeres Fahrzeug anbieten.

Immer für einen Ampelsprint gut

Leider fürchten sich gerade Pendler vor den Fahrten mit einem Stromer. Zu viele Vorurteile von kurzer Reichweite bis hin zu schlechter Beschleunigung sind nach wie vor präsent. Bei Werten von 10,4 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h ist das auch nicht weiter verwunderlich, jedoch stellt sich an dieser Stelle die Frage, wie oft man aus dem Stand wirklich die 100 Stundenkilometer auf dem Tacho sehen muss? Viel praxisnäher ist der Ampelsprint auf 60 Stundenkilometer, der in beachtlichen 4,2 Sekunden realisiert wird. Und dieser Sprint fühlt sich wirklich gut an, weil das Drehmoment von 270 Newtonmetern sofort bereitsteht. Bei einer Leistung von 115 PS (85 kW) sind diese Werte bemerkenswert. Da kann man dann auch getrost über die 140 km/h Höchstgeschwindigkeit hinwegsehen.

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Was kostet Elektromobilität?

Eine Batterieladung entspricht bei dem Volkswagen e-Golf 24,2 kWh; ausgehend von einem durchschnittlichen Energieverbrauch von 12,7 kWh würde man theoretisch auf eine Reichweite von 190 Kilometern kommen. Dadurch ergeben sich Kosten von 3,30€ auf 100 Kilometer. Trotz Stadtverkehr kamen wir in Berlin auf keine großen Abweichungen von dieser Angabe. Diese bewegten sich auf eine Strecke von knapp 45 Kilometern bei rund 2 Kilometern. Fairerweise sei aber erwähnt, dass bei kalten Temperaturen und unter Einsatz von Klimaanlage oder Heizung sich die Reichweite deutlich dezimieren wird. Realistisch wird man sich dennoch bei 130-150 Kilometern bewegen. Natürlich reicht diese Reichweite nicht für Urlaubsfahrten, weshalb Volkswagen für 30 Tage pro Jahr ein herkömmliches Fahrzeug stellt. Dieses Mobilitätspaket ist für die ersten drei Jahre im Kaufpreis inklusive.

Die Anschaffungskosten

Der Preis ist mit 34.900 Euro im Vergleich zum normalen Golf, der bei 17.175 Euro liegt, auf den ersten Blick nicht günstig. Beachtet man die Zusatzausstattung wie das Navigationssystem Discover Pro, die Voll-LED-Scheinwerfer, die beheizbare Frontscheibe und die Klimaautomatik, relativiert sich der Preis schnell. Auch die Konkurrenz, wie beispielsweise der BMW i3, liegt preislich bei 34.950 Euro und ist damit nur marginal teuerer. Zusätzlich zum Anschaffungspreis empfiehlt sich noch die Installation einer Wall-Box, die bei rund 1000 Euro inklusive Installation liegt. Diese dient der schnelleren Ladung der Batterie am Arbeitsplatz oder daheim und verkürzt die Ladezeit um das Doppelte im Vergleich zu einer haushaltsüblichen Schuko-Steckdose.

NewCarz-Volkswagen-eGolf-Testbericht-821Fahrgefühl: Golf

Der Golf ist nicht ohne Grund das meistverkaufteste Auto in Deutschland. Es wird daran liegen, dass er sich so unaufgeregt fährt und damit Maßstäbe setzt. Das schafft auch sein elektrifizierter Bruder und führt eine neue Disziplin ein: das One-Pedal-Feeling. Durch drei verschiedene Rekuperationsstufen wird die Bremse beinahe obsolet; erst an der Ampel wird das Bremspedal für den vollständigen Stillstand benutzt, wie auch das obere Video zeigt und der Kollege Thomas Majchrzak von Autogefühl hier erklärt.

Fazit: Und mit diesen Werten wird es der Volkswagen e-Golf schaffen, der meistverkaufteste Stromer in Deutschland zu werden. Er will kein Exot wie der BMW i3 sein, sondern ein Auto für die Massen bieten, das Elektromobilität salontauglich macht.
 

[alert alert_type=“info“ ] Leseempfehlungen zum Volkswagen e-Golf

Thomas Majchrzak: „Vom allgemeinen Fahrgefühl denken wir sofort: Es ist ein Golf. Solide, zuverlässig, mit guter Qualität.“

Fabian Mechtel: „So bleibt der Golf ganz Golf. Und ist nebenbei ein wirklich gutes Elektroauto. Nur: er ist eben auch nichts Wegweisendes.“ 

Björn Habegger: „Andere mögen mutiger sein. Revolutionärer in der Vision, der VW Golf ist – was er immer war: Perfektioniert – auch beim Fahrgefühl“

Sebastian Bauer: „Ansonsten ist beim E-Golf eigentlich alles, wie bei jedem Golf. Man sitzt bequem, man fährt bequem, man kann problemlos rundum schauen und auch sonst ist alles völlig idiotensicher.“

Kai Domroese: „Mit dem Elektroauto aus Wolfsburg ist man der Sieger eines jeden Ampelsprints in der Innenstadt, so kann man in der Regel auch locker Sportwagen abhängen (in unserem Fall ein Audi TT).“

Fabian Meßner: „Obwohl er nicht als reines Stadtauto konzipiert ist und eben auch mehr bzw. weiter kann als das aktuell Durchschnitts E-Auto bewegt er sich flott und “spritzig” durch Berlin.“

Jens Stratmann: „Elektromobilität muss man sich – in Deutschland – derzeitig noch leisten können bzw. wollen, kein Controller der Welt wird einem den Aufpreis schön rechnen können, es sei denn er hat zwei extrem grüne Daumen oder ggf. blaue Augen!

Milos Willing: „Wenn man mal bedenkt, dass es wohl ziemlich viele Autofahrer gibt, die am Tag weit weniger als 40-50 Km Entfernung mit dem Auto zurücklegen, ist der e-Golf von VW eine Alternative über die man mal nachdenken kann.“

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Bilder: Mikhail Bievetskiy / Canon 1D-X / 24-70 Ver. II ƒ2.8

About Mikhail Bievetskiy

Mikhail Bievetskiy ist Gründer von NewCarz.de und war vorher bereits auf vielen anderen Magazinen und Blogs tätig. Er schreibt hier über das Thema Automotive und schildert seine Erfahrungen mit Fahrzeugen aller Art.

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