Vorhang fällt in Dieppe: Alpine schickt mit der A110 eine Ikone in Rente. Doch hinter den Werkstoren beginnt bereits das nächste Kapitel.
Es ist einer dieser Momente, die in einer Autofabrik nur selten eintreten. Kein Konfettiregen, keine große Abschiedsgala. Stattdessen rollt sie einfach vom Band. Die letzte Alpine A110 der zweiten Generation. Lackiert in ikonischem Alpine Blau, gekrönt von einem schwarzen Dach, gespickt mit Carbon und angetrieben von 300 PS.
Die Alpine A110 R 70 ist nicht nur das letzte Exemplar einer erfolgreichen Modellgeneration. Sie ist das Schlusskapitel einer Geschichte, die 2017 mit einer gewagten Rückkehr begann und heute als eine der größten Erfolgsgeschichten des modernen Sportwagenbaus gilt.
Alpine A110 – Vom mutigen Comeback zum Publikumsliebling
Als Alpine die A110 vor neun Jahren wieder auf die Straße brachte, war die Aufgabe alles andere als einfach. Eine Ikone neu zu interpretieren, ohne ihre Seele zu verlieren, gleicht einem Drahtseilakt.
Doch genau dieser Balanceakt gelang. Während viele Hersteller ihre Sportwagen mit immer mehr Leistung, Elektronik und damit auch Gewicht aufrüsteten, ging Alpine den entgegengesetzten Weg. Weniger Masse. Mehr Präzision. Mehr Fahrgefühl. Die Formel klang einfach, erwies sich aber als außergewöhnlich erfolgreich.

28.701 Fahrzeuge der zweiten Generation verließen seit 2017 die traditionsreiche Manufaktur in Dieppe. Insgesamt wurden dort inzwischen 35.450 Alpine A110 gefertigt. Zahlen, die eindrucksvoll zeigen: Die Rückkehr der Marke war kein nostalgischer Ausflug, sondern ein nachhaltiger Erfolg.
Die A110 sammelte internationale Auszeichnungen, überzeugte Fachjournalisten ebenso wie eingefleischte Sportwagenfans und entwickelte sich zum Maßstab für all jene, die Fahrspaß höher bewerten als reine Leistungsdaten.
Blau ist mehr als nur eine Farbe
Wer an eine Alpine denkt, denkt fast automatisch an Blau. Tatsächlich tragen rund 58 Prozent aller in Dieppe produzierten A110 genau diesen Farbton.
Seine Geschichte ist überraschend bodenständig. Nicht nationale Rennfarben machten das Alpine Blau berühmt, sondern der Wunsch eines Kunden Anfang der 1960er Jahre. Er bestellte seine Alpine in einem besonderen Metallic-Blau. Die Farbe begeisterte so viele weitere Käufer, dass sie schließlich zum unverwechselbaren Markenzeichen wurde.

Manchmal beginnt eine Legende eben nicht in der Entwicklungsabteilung, sondern mit einer einzigen guten Idee.
Eine Fabrik, die Geschichte verströmt
Dieppe produziert keine Sportwagen von der Stange. Hier arbeiten Menschen, deren Familien seit Generationen mit Alpine verbunden sind. Erfahrung wird weitergegeben wie ein Staffelstab. Zwischen den Hallen lebt eine Unternehmenskultur, die weit über industrielle Fertigung hinausgeht.
Nicht ohne Stolz sprechen viele Beschäftigte davon, „blaues Blut“ zu besitzen. Gemeint ist die tiefe Verbundenheit mit einer Marke, die längst zum Herzstück der Region geworden ist.
Diese Leidenschaft steckt in jedem Fahrzeug und erklärt vielleicht besser als jede Statistik, warum die A110 weltweit eine so treue Fangemeinde gefunden hat.
Hinter dem letzten Fahrzeug beginnt bereits das nächste Abenteuer
Mit dem Produktionsende endet jedoch keineswegs die Geschichte der A110 – ganz im Gegenteil.
Während die letzte A110 der zweiten Generation ihre Reise zum Kunden antritt, laufen in Dieppe bereits die Vorbereitungen für ihren Nachfolger auf Hochtouren. Produktionsanlagen werden modernisiert, neue Fertigungsprozesse eingeführt und der traditionsreiche Standort auf eine neue Ära vorbereitet.
Die kommende Alpine A110 wird vollständig elektrisch. Allein dieser Satz sorgt in der Sportwagenszene für Gesprächsstoff. Kann ein Elektroantrieb dieselbe Leichtigkeit vermitteln? Wird die typische Alpine-DNA erhalten bleiben? Und gelingt es den Ingenieuren erneut, gegen den Strom zu schwimmen?
Noch beantwortet Alpine diese Fragen nicht vollständig. Vielleicht ist genau das das Spannende. Denn die Erwartungen waren selten so hoch wie heute.
Der schwierigste Gegner heißt Vergangenheit
Die größte Herausforderung für die nächste Generation wird nicht die Konkurrenz sein. Sie heißt zweite Generation. Denn diese hat die Messlatte erstaunlich hoch gelegt. Sie bewies eindrucksvoll, dass moderne Sportwagen nicht zwangsläufig größer, schwerer oder extremer werden müssen. Sie erinnerte eine ganze Branche daran, dass Fahrspaß häufig dort entsteht, wo Ingenieure Mut zur Einfachheit besitzen.
Nun soll genau dieses Erfolgsrezept in das elektrische Zeitalter übertragen werden. Eine leichte Aufgabe wird das nicht. Eine spannende dafür umso mehr.
NewCarz meint dazu:
Die Automobilwelt befindet sich im größten Wandel ihrer Geschichte. Viele Hersteller wirken dabei, als würden sie lediglich auf Entwicklungen reagieren. Alpine vermittelt dagegen einen anderen Eindruck. Die Marke gestaltet ihren Weg aktiv. Die zweite Generation der A110 war der Beweis, dass Tradition und Innovation keine Gegensätze sein müssen. Sie machte aus einer historischen Ikone wieder einen modernen Traumwagen und gewann damit nicht nur Preise, sondern vor allem das Vertrauen ihrer Kunden. Genau deshalb darf man optimistisch auf die dritte Generation blicken. Natürlich wird ein elektrischer Sportwagen anders sein. Er muss es sogar. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob er klingt wie sein Vorgänger, sondern ob er sich genauso besonders anfühlt. Wenn Alpine das gelingt, könnte die Geschichte der A110 nicht mit einem Schlusspunkt enden, sondern mit einem Doppelpunkt.
Quelle & Fotos: Alpine / Text: NewCarz

Unser Chefredakteur erstellt seit 2015 schwerpunktmäßig Fahrberichte und testet alle Fahrzeuge akribisch – mit Liebe zum Detail – auf Herz und Nieren. Dabei entgeht ihm nichts. Seine Objektivität bewahrt er dabei kompromisslos. Robertos Spezialgebiete sind neben SUVs und Kombis die alternativen Antriebskonzepte. Sein Herz schlägt aber auch gern im V8-Takt.
