Lamborghini Aventador S Roadster – Kompromissloser Endzeit-Bolide

Eine Legende, ein Stück italienische Tradition und wohl einer der Letzten seiner Art – der Lamborghini Aventador S Roadster ist ein reinrassiger Supersportler, ein V12-Roadster mit Saugmotor und ein extrem exaltiertes Tracktool.

Was im Jahre 1966 mit dem legendären Lamborghini Miura und 350 PS begann, hat nun optisch und technisch um einiges zugelegt. Doch auch vorher haben weitere Legenden aus der italienischen Sportwagenschmiede Geschichte geschrieben. Auf den Miura folgte der Countach, danach der optisch extrem markante Diablo, dessen Erbe im Jahr 2001 der Murciélago antrat.

Die „Fledermaus“ – so die deutsche Übersetzung – zeigte bereits deutliche Änderungen an der Karosserie und ist der direkte Vorgänger des Aventador.

Dieser erhielt Ende 2016 ein Facelift und eine weniger diffizile Modellbezeichnung. Im Jahr darauf wurde der Lamborghini Aventador S Roadster als offenes Derivat vorgestellt. Das „S“ dürfte laut unserer Recherchen im Übrigen für „spinto“ – zu deutsch: „getrieben“ – stehen.

Wir führten den offenen V12-Mittelmotor-Boliden aus – in urbane Gefilde, über kurvige Landstraßen und auf die Autobahn. Fahrbericht.


Exterieur – Stealth Bomber ahead

Es gibt sie noch, diese Gattung von Fahrzeugen, die nicht nur polarisiert sondern auch zum Träumen anregt. Oder eben zum Staunen. Im Falle des Lamborghini Aventador S Roadster ist dieses Staunen gleichzusetzen mit der Faszination für martialische Ästhetik.

Lamborghini Aventador S Roadster
Tarnkappenbomber – Der Aventador S wirkt wie aus einem Stück gefräst.


Als S ist der Italiener nicht nur aerodynamisch optimiert worden. Jede seiner Poren, jede Sicke, jeder Knick spiegelt die Leidenschaft der Designer wieder und es gibt schlicht keine Stelle, an der die Marken-DNA nicht optisch zur Schau gestellt wird.

Beginnen wir mit der Front des V12-Roadsters. Ultraflach liegend, ja fast kauernd, zeigt sich die nach vorne hin spitz zulaufende Front. Diese wurde im S-Modell überarbeitet und zeigt nun den gleichen Stil wie die noch weiter in Richtung Rennsport modifizierte SV-Version des Vorgängers.

Lamborghini Aventador S Roadster Scheinwerfer
Markant signiert – Selbst die LED-Tagfahrleuchten warten mit kantiger Y-Signatur auf.


Hinzu kommen markant – und flach – integrierte Bi-Xenon-Scheinwerfer mit einer Y-artigen Tagfahrlichtsignatur in LED-Technik. Übrigens ist selbst diese von markanten Knicken geprägt, um das Gesamtbild harmonisch abzurunden.

Seitlich betrachtet, ähnelt der Aventador S eher einem Tarnkappenbomber als einem straßenzugelassenen Fahrzeug, was ihm im Übrigen eine enorme Anziehungskraft verleiht. Diese keilförmige Silhouette bietet jedem Betrachter genug Material für minutenlanges Begutachten. Dass es sich bei dem Italiener um einen Roadster handelt, ist im Übrigen nicht sofort und für Laien schon mal gar nicht erkennbar. Doch dazu kommen wir später.

Lamborghini Aventador S Roadster Seite
Donnerkeil – Die flache Flunder wirkt schon im Stand extrem dynamisch.


Unser dunkelgrauer Testwagen trägt schwarze Felgen, unter denen enorm große Bremsen stationiert sind. Genau genommen messen die vorderen Scheiben 400, die hinteren 380 Millimeter. Hinzu kommen exorbitant große Lufteinlässe hinter den Türen und ein kleiner, fast zierlicher Aventador-S-Schriftzug, unterstrichen in den italienischen Nationalfarben.

Der Lamborghini Aventador S Roadster verfügt – wie auch sein geschlossener Bruder – über Scherentüren. Diese lassen sich über die kantig geformten Türgriffe erstaunlich leicht öffnen und schließen, was in der Praxis oftmals spektakulär aussieht, aber keiner allzu großen Übung bedarf.

Lamborghini Aventador S Roadster Heck
Martialische Ästhetik – Der Aventador S Roadster ist ein Fahrzeug für Genießer.


Am Heck angekommen, wartet auf den Betrachter das Herzstück des Italienischen Meisterstücks. Unter der optionalen, aber im Testwagen verbauten Glasabdeckung, die als transparente Motorhaube fungiert, sitzt die „bella macchina“. Ein mächtiges Aggregat mit 6,5 Litern Hubraum, zwölf Zylindern und ohne etwaige Unterstützung von Turboladern oder Kompressoren. Stattdessen trägt der Lambo mit Stolz seine „ordine di accensione“, also seine Zündfolge, auf einer Plakette inmitten der Motorabdeckung aus Sichtcarbon.

Lamborghini Aventador S Roadster Heckansicht
Saluti di Reventòn – Das Heck weckt Erinnerungen an den limitierten Reventón.


Lässt man den Blick weiter nach unten schweifen, so erblickt man die neue Abgasanlage, die nun mittig platziert wurde und über drei Endrohre verfügt. Und während der Lamborghini-Schriftzug auch gänzlichen Laien Aufklärung über die Herkunft verschafft, greifen die LED-Heckleuchten mit ihren drei Y-artigen Leuchtelementen die Tagfahrlichtsignatur wieder auf und erinnern zudem an den legendären Lamborghini Reventón, der seinerzeit als limitierter Vorläufer des Aventador auf den Markt kam.

Lamborghini Aventador S Roadster Heckleuchte
Aufgegriffen – Die Heckleuchten führen die Designlinie der Tagfahrlichtsignatur fort.


Nun möchten wir noch ein Wort über die außergewöhnliche Lackierung unseres Testwagens verlieren. Die Lackfarbe trägt den Namen Grigio Asteria und präsentiert sich als wahrlich außergewöhnlicher Mehrschichtlack. Je nach Lichteinfall, schimmert er mal matt und mal perlmuttartig glänzend, während er bei bei genauerem Hinsehen scharlachrote Pigmente offeriert, die perfekt mit dem Interieur und den Bremszangen harmonieren.

Lamborghini Aventador S Roadster Grigio Asteria
Ein besonderes Grau – Das Grigio Asteria stammt aus dem Ad Personam Programm.


Und das kommt nicht von ungefähr. Besagte Lackierung in Grigio Asteria stammt aus dem sogenannten Ad Personam Programm von Lamborghini. Dieses offeriert dem Kunden die Möglichkeit, seinen Supersportler in Bezug auf Lackierung und Interieurgestaltung maximal zu individualisieren respektive zu personalisieren.

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Interieur – Reduktion im wahrsten Sinne

Öffnet man die Scherentür, so fällt der Blick auf eine Performance-Landschaft, wie sie nur Lamborghini offerieren kann. Unser Testwagen greift die roten Partikel des Außenlacks und die Farbe der Bremszangen im Inneren auf und so tragen die Ledersitze den Farbton Rosso Alala, welcher ebenfalls aus dem im vorigen Kapitel angesprochenen Ad Personam Programm stammt.

Lamborghini Aventador S Roadster Interieur
Knallig – Das Rosso Alala sorgt für frischen Wind im Innenraum des V12-Cabrio.


Einmal Platz genommen, fällt unweigerlich auf, dass die Sitze bei weitem nicht so kompromisslos hart sind wie angenommen. Im Gegenteil. Das Gestühl erweist sich zwar durch und durch rennstreckenoptimiert und wartet infolgedessen mit einem extrem hohen Maß an Seitenhalt auf, dennoch tauchen keinerlei Zweifel an mehrstündigen Fahrten auf, sofern es nur um die Sitze geht.

Zugegeben, viel Bewegungsfreiheit darf der künftige Aventador-Fahrer nicht erwarten. Die Sitzposition ist extrem tief und bei geschlossenen Türen ist der Blick in die Spiegel die einzige Möglichkeit, sich entsprechend umzusehen.

Lamborghini Aventador S Roadster Sitze
Nicht unbequem – Die Sitze erwiesen sich im Test wider Erwarten als ziemlich bequem.


Neu im Lamborghini Aventador S Roadster sind die überarbeiteten Anzeigen, unter anderem im digitalen Cockpit. Ansonsten fallen die Unterschiede marginal aus, was Puristen sicherlich in die Karten spielt.

Neben dem carbonüberbautem Cockpit fällt der Blick auf die massive Mittelkonsole, die den Fahrer von rechts quasi umschließt. Die nach oben hin ansteigende Konsole offeriert eine Vielzahl von Tasten und – ganz oben – einen ausreichend großen Zentralbildschirm, über den alle relevanten Funktionen einschließlich des Infotainments bedient werden.

Lamborghini Aventador S Roadster Cockpit
Videospiel-Style – Die Tachografik wurde im „S“ überarbeitet.


Als absolutes Highlight gilt natürlich der Startknopf. Dieser liegt – wie bei Lamborghini üblich – unter einer roten Kappe und simuliert so die Abschusstaste einer Rakete. Ein liebevolles Detail, welches der Marke hoffentlich noch lange erhalten bleibt.

Derweil umgreifen die Fahrerhände ein unten abgeflachtes und an den Seiten perforiertes Lederlenkrad, hinter dem massive Schaltwippen liegen. Auch hier ist die Performance-Ausrichtung eindeutig.

Lamborghini Aventador S Roadster Mittelkonsole
In Carbon gebettet – Die Mittelkonsole bekam ein Framing aus Kohlefaser.


Links vom Lenkrad befinden sich übrigens die Tasten für das Fahrlicht, die im gleichen Stil ausgeführt sind wie jene für Fensterheber, Warnblinkanlage und Co.

Im Übrigen erhält der Beifahrer bei jeder Tour einen Gratisblick auf den im Armaturenträger angebrachten Markenschriftzug. Stilliebhaber dürfen sich darüber hinaus über die detailverliebten Steppnähte im Farbton des Interieurs erfreuen.

Lamborghini Schriftzug
Italienisches Markenbewusstsein – Auch der Beifahrer wird stets an die Herkunft erinnert.


Weniger erfreulich, aber im Grunde bei einem solchen Fahrzeug auch nicht verwunderlich ist der Umstand, dass keinerlei Getränkehalter vorhanden sind. Kaffeebecher und ähnliche, nicht verschließbare Behältnisse sollten also tunlichst draußen bleiben.

Mit hinein darf hingegen Gepäck, wenn auch nicht viel. Der Kofferraum offeriert ein maximales Stauvolumen von 140 Litern – aber auch nur dann, wenn das Dach geschlossen bleibt, womit wir beim nächsten Kapitel wären.

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Die Dachkonstruktion des Lamborghini Aventador S Roadster

Als stolzer Besitzer eines Lamborghini Aventador S Roadster möchte man natürlich so oft wie möglich in den Genuss des Offenfahrens kommen. Während die meisten Sport- und Supersportcabriolets über ein elektrisches Verdeck verfügen, hat man sich aus Gewichts- Verwindungssteifigkeitsgründen für zwei herausnehmbare Dachhälften entschieden. So bleibt der V12-Italiener auch hier seinem Grundwesen treu.

Lamborghini Aventador S Roadster Kofferraum
Theoretisch ausreichend – Der 140-Liter-Kofferraum des Aventador S Roadster.


Der Vorteil liegt indes klar auf der Hand. Der Lamborghini Aventador S Roadster wiegt gerade einmal 50 Kilogramm mehr als sein geschlossenen Bruder. Durch die feste Verbindung der beiden Carbon-Elemente muss der italienische Supersportler zudem kaum etwas in seiner Steifigkeit einbüßen.

Die Abfolge des „Dachöffnens“ sollte indes ein wenig geübt sein – idealerweise ohne Zuschauer. Wichtig: Die beiden Hälften müssen der Reihe nach aus- und wieder eingebaut werden.


Im Kofferraum gibt es spezielle Halterungen, die jedoch unweigerlich die korrekte Reihenfolge der Dachhälften und deren Positionierung erfordern. Farblich markierte Stellen erleichtern dem Fahrer das Handling.

Ist das Dach geöffnet beziehungsweise verstaut, wird plötzlich klar, dass außer ein oder zwei Jacken kaum noch Stauraum gegeben ist. Daher sollte man seinen Wochendtrip schon im Vorfeld planen und entweder nur das Nötigste mitnehmen oder aber An- und Abreise geschlossen vollziehen.

Lamborghini Aventador S Roadster offen
Endlich offen – Das Öffnen und Schließen des „Verdecks“ bedarf etwas Zeit.


Dass letztgenannte Variante nicht einem absoluten Verzicht gleicht, zeigt der Umstand, dass sich die Heckscheibe auch bei geschlossenem Dach komplett versenken und den Sound des V12 bis in den Innenraum vordringen lässt. Im Übrigen dient besagte Heckscheibe im hochgefahrenen Zustand und bei geöffnetem „Verdeck“ als Windschott.

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Motor & Fahreigenschaften – Macchina incredibile

Das unter Glas liegende Herzstück des Lamborghini Aventador S Roadster ist sein unglaublicher Motor. Die folgenden Zeilen können nur ansatzweise in Worte fassen, was dieser V12-Mittelmotor-Roadster in der Lage ist, zu leisten.

Lamborghini Aventador S Roadster transparente Glas Motorhaube
Unter Glas – Die transparente Motorhaube ist optional und gewährt einen Blick auf den V12.


Aus 6,5 Litern Hubraum schöpft der V12-Saugmotor eine Leistung von 740 PS und stemmt maximal 690 Newtonmeter auf alle vier Räder. Damit ist er exakt 40 PS stärker als sein direkter Vorgänger und zehn Pferdestärken „schwächer“ als der Aventador LP750-4 SV – die auf Rennsport getrimmte Topversion des Vorgängers.

Da Lamborghini auf den Einsatz von Turboladern oder Kompressoren verzichten wollte, wurde die Leistungssteigerung vor allem durch gezielte Optimierungen der variablen Ventilsteuerung und des variablen Ansaugsystems erreicht. Darüber hinaus wurde die Maximaldrehzahl erhöht. Sie kletterte von 8.300 auf 8.500 Umdrehungen pro Minute, wodurch auch das Drehmoment nun über ein breiteres Drehzahlband verfügbar ist.

Lamborghini Aventador S Roadster V12 Engine
Kräftiges Herz – In jedem Fall ist der 6,5-Liter-V12 ein echtes Meisterstück.


Die Kraftverwaltung übernimmt ein Getriebe, das Technik-Fans vermutlich in die Vergangenheit verbannen würden. Ein Siebengang-ISR-Getriebe kümmert sich um diese Aufgabe und das mit nicht zu verachtendem Talent. So dauert der Gangwechsel gerade einmal 50 Millisekunden.

Auf der Fahrwerkseite gibt es ebenfalls Änderungen zu verbuchen. So wartet der Lamborghini Aventador S Roadster nun mit einer aktiven Einzelradaufhängung samt magnetorheologische Stoßdämpfern auf. Diese Technik arbeitet Hand in Hand mit der Vierradlenkung und passt die Dämpfer kontinuierlich – je nach gewähltem Fahrmodus – an.

V12 Carbon Querstreben
Carbon-Käfig – Das potente Triebwerk wird von allen Seiten im Zaum gehalten.


Ebenfalls neu im S ist die sogenannte Allradlenkung. Diese kennen wir beispielsweise aus dem neuen Porsche 911 Carrera 4S und es freute uns umso mehr, dass diese äußerst sinnvolle Technik auch im neuen Lamborghini eingesetzt wird. Erstmals im Centenario präsentiert, wird der große Lambo in der Stadt deutlich handlicher, lässt sich leichter rangieren, während bei hohen Geschwindigkeiten die Fahrstabilität signifikant erhöht wird.

Neben der verbesserten Aerodynamik durch Eingriffe an der Karosserie, hielt auch ein neuer, aktiver Heckflügel Einzug im Aventador S. Dieser erhöht den Abtrieb und sorgt so dafür, dass das Heck auch bei hohem Tempi nicht zu tänzeln beginnt.

Lamborghini Carbon Keramik Bremse
Brachial – Die extrem gute Carbon-Keramik-Bremse ist serienmäßig an Bord.


Serienmäßig in jedem Aventador S kommen üppig dimensionierte Carbon-Keramik-Bremsen zum Einsatz. Die Scheiben haben an der Vorderachse einen Durchmesser von 400 Millimetern, hinten sind es immer noch 380 Millimeter.

Etwas erstaunt waren wir über den Umstand, dass der Lamborghini Aventador S Roadster mit einer Zylinderabschaltung und einer Start-Stopp-Automatik ausgerüstet wurde. Umso mehr konnten wir während unseres Tests feststellen, dass sich diese – für einen Supersportwagen zugegebenermaßen irritierenden Optionen – auch hier positiv auf den Kraftstoffverbrauch auswirken.

Lamborghini Aventador S Roadster Grigrio
Rollende Legende – Der Aventador S ist wohl einer der Letzten seiner Art.


Wir beginnen unsere erste Fahrt in der Redaktionstiefgarage. Der Druck auf den Startknopf ist bei einem Lamborghini immer etwas Besonderes. Die rote Klappe nach oben, den Startknopf fest drücken. In diesem Moment spürt man den Anlasser, wie er alle zwölf Zylinder zum Leben erweckt. Kurz darauf hallt ein infernalisches Brüllen durch die große, neonbeleuchtete Tiefgarage.

Schon beim Ausparken machen sich die Vorteile der Allradlenkung bemerkbar, der flache Italiener lässt sich relativ leichtfüßig durch die enge Halle manövrieren, lediglich die Rundumsicht ist arg eingeschränkt. Dafür hilft die Rückfahrkamera beim Rangieren und erweist sich schnell als unabdingbares Feature.

Lamborghini Schaltwippen
Groß und wirkungsvoll – Die kühlen Schaltwippen am Lenkrad sind kantig und griffig.


Die ersten Meter durch die Stadt erschleicht sich der Aventador geflissentlich, zieht die Blicke der Passanten auf sich wie ein Magnet und wirkt dabei erstaunlich gelassen. Das urbane Flair steht ihm gut, er passt optisch durchaus in die schönen Citys deutscher Großstädte. Als Prestige-Pendant wertet er gekonnt die Umgebung auf. Wo er parkt, sind alle Smartphones gezückt. So etwas hatten wir in dieser Intensität bisher nur bei einem McLaren erlebt.

Doch geht es hier nicht ums Parken, sondern ums Fahren. Und hier fühlt sich der Lamborghini Aventador S Roadster alles andere als wohl. Die Gangwechsel im Strada-Modus sind ellenlang, ziehen sich wie Kaugummi und der V12 macht mit verzögerter Gasannahme auf sich und seine chronische Unterforderung aufmerksam.

Lamborghini Aventador S Roadster Baustelle
Kein Poser – Der Aventador ist kein geeigneter Begleiter fürs Flanieren.


Klar, man kann im Sport- oder Corsa-Modus und mittels manueller Schaltvorgänge einen Teil dieser Allüren kaschieren, dennoch steht eines fest: Flanieren ist so gar nicht seins!

Abseits der Stadtlichter regeneriert sich der Supersportler recht schnell und wartet gierig auf den ersten Gasbefehl. Ist dieser erteilt, bleibt die Welt für einen kurzen Moment stehen. Erst danach zieht ein Sturm auf, so plötzlich und so mächtig, dass es einen weiteren kurzen Moment braucht, um die Situation ganzheitlich zu begreifen. Ist dies geschehen, sollte der Fuß schnell vom Gaspedal weichen, denn ansonsten steht schnell, ja sehr schnell, eine Zahl auf dem Tacho, die alles andere als landstraßenkonform ist.

Aventador S Lufteinlass
Saugt an – Die riesigen Lufteinlässe sind bei diesem V12-Lambo nicht nur Deko.


Die nächste Kurve wird spät angebremst und wir spüren, wie die 1,7 Tonnen spielerisch in die Kehre geworfen werden, die Vierradlenkung unterstützt hierbei enorm und wenige Wimpernschläge später ist die Kurve Geschichte.

Das alles beschwört unweigerlich einen Videospiel-Charakter herauf, so präzise und wendig sich das Fahrzeug auch zeigt, es schwingt immer eine übergeordnete Brutalität mit, die keinerlei Vergleiche zu anderen Sportwagen zulässt.

Lamborghini Aventador S Roadster Endrohre
Dreierlei – Die Abgasanlage generiert einen betörend-kräftigen V12-Sound.


Natürlich kann der Fahrer samt Begleitung auch gemütlich ins Abendrot cruisen. Den Sonnenuntergang vor Augen, halten wir einen Moment inne und ziehen ein erstes Resümee: Der Lamborghini Aventador S Roadster ist ein reinrassiger Supersportwagen, der auch offen keinen Deut seines Charakters einbüßt. In seinem Wesen ist er einzigartig, Allüren sind ihm bei artgerechter Behandlung fremd.

Er ist kein Sportwagen alter Schule, aber dennoch oldschool. Fahrerisches Können vorausgesetzt, ist dieses V12-Gerät in den richtigen Händen ein Fahrspaßgarant erster Klasse. Dennoch ist er kein Fahrzeug für die breite (Sportwagenfahrer-)Masse. Ihn zu fahren gleicht einer Herausforderung, domestiziert sind die anderen. Im Herzen ein echter Kampfstier – das kann nur Lamborghini!

Lamborghini Aventador S Roadster Ordine di Accensione
Ordine di Accensione – Mit großem Stolz trägt der Lambo die Plakette mit seiner Zündfolge.


Genug des Schwelgens und ab auf die Autobahn. Hier – wir haben hierfür extra ein Teilstück mit wenig Verkehr ausgewählt – lassen wir den Kampfstier dann endgültig von der Leine. Im Lambo bedeutet das, direkt nach der Auffahrt bei circa Tempo 80 das Gaspedal voll durchtreten. Was dann passiert, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Auch ist es nichts, woran man sich früher oder später gewöhnt.

Die Leistungsentfaltung geschieht gefühlt linear, aber derart schnell, dass man ständig den nächsten Gang hineinhämmert – oder im Begrenzer landet. Das Ganze wird untermalt von einer endzeitstimmungsartigen Klangkulisse, die aus Scheppern, Brüllen und markerschütterndem Sägen besteht, wie es nur ein V12 zu leisten in der Lage ist. Vergessen Sie alles, was sie bisher über Sportwagen gelesen haben. Werfen Sie jegliche Voreingenommenheit über Bord.

Lamborghini Aventador S Roadster Endzeit car
Dunkle Mächte – Die Urgewalt, die den Lambo befeuert, scheint nicht von dieser Welt zu sein.


Die 100 km/h fallen aus dem Stand bereits nach glatt drei Sekunden, bis 200 Stundenkilometer sind es aus dem Stand gerade einmal neun (!) Sekunden. Und um das Speed-Trio abzurunden, stehen unter guten Voraussetzungen und einem versierten Fahrer nach 25 Sekunden 300 km/h auf dem Tacho.

Wir können den Lamborghini Aventador S Roadster an diesem Tag tatsächlich komplett ausfahren. Der Tacho zeigt maximal 354 Stundenkilometer an. Wie sich das anfühlt? Surreal. Es fordert dem Fahrer doch recht viel Konzentration ab, wenngleich der Aventador die Situation subjektiv stets unter Kontrolle zu haben scheint. Auch jenseits der 300 Sachen liegt der Italiener wie ein Brett auf dem Asphalt, die Lenkung bleibt angenehm straff und für den Fall der Fälle, sorgt die Karbon-Keramik-Bremse für enorme Verzögerungswerte. An der Vorderachse beißen sich sechs Kolben in eine familienpizzagroße Bremsscheibe, hinten sind es immer noch stattlich 380 Millimeter, die von vier Kolben in die Zange genommen werden.

Lamborghini Aventador S Roadster Tankdeckel
Liebevoll – Wir kritisieren oft Tankverschlüsse; dieser hier besteht aus graviertem Metall. Bravo!


Wenngleich man bei einem Fahrzeug wie dem Lamborghini Aventador S Roadster zwar über vieles, nicht aber über den Verbrauch sprechen muss, tun wir es trotzdem. Die angegebenen 16,9 Liter sind in der Praxis definitiv nicht unrealistisch, wir konnten diesen Verbrauch mit 15,4 Litern ein ganzes Stück unterbieten. Allerdings erfordert dies auch ein wenig Disziplin, möchte man dem Italiener doch gern und oft seine gewaltige Leistung abfordern. Tut man dies, dürfen Verbräuche um 20 Liter einkalkuliert werden. Spielt sich das Ganze noch in Geschwindigkeitsbereichen jenseits der 300 km/h ab, heißt die Vorkommazahl 24. Unsere Sparrunde absolvierte der potente V12-Roadster mit 12,4 Litern Super.

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Der Lamborghini EGO Modus – Ein Statement

Erstmals kommt in einem Lamborghini beim Aventador S der sogenannte Lamborghini EGO Modus zum Einsatz. Während andere Hersteller diesen Modus beispielsweise „Individual“ oder ähnlich taufen, gibt es bei den Italienern auch beim Naming keine Kompromisse.

Lamborghini Aventador S Roadster EGO Modus
Kleines EGO, große Wirkung – Der neue Fahrmodus erlaubt die individuelle Justierung der Fahrparameter.


In diesem Fahrprogramm lassen sich nahezu alle Antriebsparameter individuell justieren. Motorkennlinie, Schaltzeiten, Antrieb, Lenkung, Aufhängungen und Stabilitätskontrolle können vom Fahrer variabel angepasst werden. Gewählt werden kann bei den meisten Parametern aus den Modi Strada, Sport und Corsa.

Das Besondere am Lamborghini EGO Modus ist die konsequente Abstimmung der einzelnen Parameter. Während bei vielen Fahrzeugen nur eine schmale Spreizung zu spüren ist, sind die Sprünge beim Avantador S erheblich.

Cockpit Fahrmodi Lambo
Individuell – Die neue Cockpitgrafik ändert sich je nach gewähltem Fahrmodus.


Sehr gut ist zudem der Umstand, dass das ESP komplett aktiviert bleiben kann, während alle anderen Komponenten in den Rennstreckenmodus versetzt werden können. So kommen auch Einsteiger in den vollen Genuss der Gewalt des V12-Boliden – ohne jedwedes Risiko auf Traktionsverlust.

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Technik & Assistenz im Lamborghini Aventador S Roadster

Abgesehen von der Tatsache, dass es eigentlich keine allzu große Rolle spielen sollte, welche Komfort-Features – der Name zeigt bereits die Widersprüchlichkeit auf – an Bord eines reinrassigen und kompromisslosen Supersportlers sind, widmen wir uns nachfolgend dennoch den Ausstattungsumfängen, die unser Testwagen mitbringt. Eines können wir schon einmal vorab verraten: Viele Optionen sind gar nicht mal so unnütz, wie sie vielleicht auf den ersten Blick scheinen.

Lamborghini Aventador S Roadster Infotainment
Oldschool, aber funktional – Das etwas in die Jahre gekommene Infotainment.


So beginnen wir mit dem – zugegeben – etwas in die Jahre gekommenen Infotainment, welches aus dem Audi-Regal stammt. Die Bedienung ist grundsätzlich recht simpel und auch Lamborghini-Einsteiger haben sich rasch zurecht gefunden.

Das System wartet mit einem Navigationssystem, einer Bluetooth-Freisprecheinrichtung und – das ist neu – mit Apple CarPlay auf. Die Kopplung gelingt auf beide Weisen schnell und einmal das CarPlay aktiviert, lässt sich hierüber die Playlist für den nächsten Roadtrip abspielen.

Lamborghini Aventador S Roadster Sensonum Soundsystem
Spielt gut auf – Das Soundsystem aus dem Hause Sensonum.


Die musikalische Untermalung übernimmt ein Soundsystem aus dem Hause Sensonum, welches im Test klanglich solide aufspielen konnte. Die recht knappe Resonanzfläche wurde von den Toningenieuren gut genutzt, sodass die Höhen vernünftig bei Fahrer und Beifahrer ankommen. Auch die angenehm trockenen Bässe dringen – wenn der V12 sie nicht überstimmt – entsprechend gut zu den beiden Insassen vor.

Lambo Lichtschalter
In Reihe – Links vom Lenkrad befinden sich die Schalter für die Lichtsteuerung.


Dem Komfort ebenfalls zuträglich ist eine im Test unauffällig arbeitende Klimaautomatik sowie eine Sitzheizung für Fahrer und Beifahrer, welche mit kontinuierlicher Heizleistung glänzen konnte.

Viel relevanter sind jedoch die Parksensoren, welche dankbarerweise hinten und vorne vorhanden sind und sich im Test keine Fehlinterpretation erlaubten. Ebenfalls unterstützt beim Parken und Rangieren eine Rückfahrkamera mit guter Auflösung – auch bei Nacht.

Lamborghini Aventador S Rückfahrkamera
Unabdingbar – Die Rückfahrkamera im unübersichtlichen Supersportwagen.


Wenngleich Tiefgaragen sicherlich nicht das präferierte Metier des Lamborghini Aventador S Roadster darstellen, so ist es manchmal unvermeidlich, diese trotzdem zu befahren. Hierfür bietet Lamborghini ein – aus unserer Sicht unabdingbares – Liftsystem für den Vorderwagen an. So kann der V12-Roadster das Groß aller Ein- und Ausfahrten, Schrägen und auch Verkehrsbumper ohne Berührungen mit der Karosserie bewältigen.

Lamborghini Aventador S Roadster Außenspiegel klappbar
Sehr sinnvoll – Die elektrisch anklappbaren Außenspiegel des über 2 Meter breiten V12-Roadster.


Zuletzt möchten wir noch ein Wort über die Lichtanlage des Aventador S verlieren. Ausgestattet mit Bi-Xenon-Scheinwerfern samt LED-Tagfahrlicht, konnten die Gasentladungslampen auf ganzer Linie überzeugen. Trotz extrem niedriger Anbauhöhe vermochten es die Scheinwerfer, einen breiten und xenontypisch homogenen Lichtteppich auf die Fahrbahn zu werfen, der in puncto Reichweite keinerlei Grund zur Beanstandung zulässt. Auch die Helligkeit des Abblendlichts steht dem von modernen LED-Scheinwerfern in nahezu nichts nach.

Lamborghini Aventador S Roadster Xenon Licht
Luce abbagliante – Das Bi-Xenonlicht ist nach wie vor auf Höhe der Zeit.


Übertroffen wird dies nur noch vom Fernlicht, welches jede noch so dunkle Landstraße in gleißend helles Licht taucht. Ein absoluter Sicherheitsgarant bei nächtlichen Highspeed-Fahrten.

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Fazit zum Lamborghini Aventador S Roadster

Es ist absurd, schier unglaublich und eigentlich mehr surreal als der Realität entsprechend, aber der Lamborghini Aventador S Roadster präsentiert sich als antagonistisches Ur-Vieh, welches einer harten Führung bedarf und seinen Fahrer mit einer barbarischen Performance belohnt, die wohl weit abseits von dem ist, was man von Sportwagen gewohnt ist.

Lamborghini Aventador S
Brachiales Ur-Vieh – Der Aventador S Roadster ist nur für eine sehr schmale Klientel gemacht.


Durch die Modifizierungen am S-Modell wirkt das Fahrzeug handlicher und ein Stück weit kompromissbereit, aber nur im Rahmen seines Naturell. Er ist wild und weit entfernt jeglicher Domestizierung, doch genau das ist sein Reiz. Gemacht für eine schmale Klientel, die neben dem nötigen Kleingeld vor allem fahrerisches Können und einen Faible für Urgewalten mitbringt. Als Roadster bietet er zudem die perfekte Mischung aus V12-Supersportwagen mit ungezähmtem Charakter und dem einmaligen Charme des Offenfahrens.

In jedem Fall ist der Lamborghini Aventador S Roadster ein brachial durchdesignter Traumwagen, der es allein durch seine optische Präsenz vermag, große wie kleine Beobachter zu fesseln und sie für einen kurzen Moment in seinen Bann zu ziehen.

Lamborghini Aventador S Roadster Batch
Italienisches Statement – Die kompromisslose Aventador S begeistert mit Imperfektion.


Auch sein künftiger Besitzer wird sich wohl niemals vollends an ihn und seinen Facettenreichtum gewöhnen, der oftmals aus schierer Brutalität und einer omnipräsenten, superioren Note besteht.

Und das ist auch gut so. Dass er einer der Letzten seiner Art zu sein vermag, scheint wohl festzustehen. Wermutstropfen? Er hat Charakter und ist nicht perfekt. Und genau diese Imperfektion ist für viele faszinierend. Für manche ist sie gar das Maß der Dinge.


Text / Fotos: NewCarz

Kamera: Canon EOS 6D

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Technische Daten: Lamborghini Aventador S Roadster

  • Farbe: Grigio Asteria
  • Länge x Breite x Höhe (m): 4,80 x 2,03 x 1,14
  • Radstand (mm): 2.700
  • Motor: Zwölfzylinder-V-Motor
  • Leistung: 544 kW (740 PS) bei 5.500 rpm
  • Hubraum: 6.498 ccm
  • Max. Drehmoment: 690 Nm bei 5.500 rpm
  • Getriebe: 7-Gang-ISR-Getriebe
  • Antrieb: Allradantrieb
  • Durchschnittsverbrauch (WLTP): 16,9 L/100 km
  • Durchschnittsverbrauch (NewCarz): 15,4 L/100 km
  • CO2-Emissionen (Herstellerangabe): 394 g/km
  • Abgasnorm: Euro 6d-TEMP
  • Höchstgeschwindigkeit: 350 km/h
  • Beschleunigung von 0 auf 100 km/h: 3,0 Sekunden
  • Leergewicht (kg): 1.625
  • Kofferraumvolumen (l): 140
  • Kraftstofftank Benzin (l): 85
  • Kraftstoffart: Super (ROZ 95)
  • Neupreis des Testwagens: ca. 491.068 Euro (Grundpreis Aventador S Roadster: 373.104 Euro)

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