Lucid Air Sapphire – das ist ein Name, mit dem Nichteingeweihte vielleicht wenig bis gar nichts anfangen können, doch wer sich mit der Marke beschäftigt hat, weiß, dass es sich hier um etwas ganz Besonderes handelt.
Wir hatten bereits das Vergnügen mit dem Einstiegsmodell der Air-Reihe. Hier nun steht das Topmodell auf unserem Testgelände. Doch schön der Reihe nach.
Lucid ist ja noch eine junge Marke, zumindest wenn man sie mit den großen Namen der Automobilgeschichte vergleicht. Kein Jahrhundert voller Rennsiege, keine Generationen von Ingenieuren mit Benzin im Blut, keine Motorsportabteilung mit eigener Postleitzahl. Stattdessen stammt Lucid aus dem Silicon Valley und verfolgt von Anfang an einen ausgesprochen technologiegetriebenen Ansatz.
Eine zentrale Figur dieser Geschichte ist Peter Rawlinson. Der britische Ingenieur arbeitete bei Jaguar und Lotus, bevor er zu Tesla wechselte und dort als Chief Engineer die Entwicklung des Model S verantwortete. 2013 ging er zu Lucid, zunächst als Technikchef, später als CEO und CTO. Die Verbindung ist durchaus pikant: Ausgerechnet der Mann, der an einem der Autos arbeitete, mit denen Tesla die Elektromobilität auf ein neues Niveau hob, wollte anschließend zeigen, wie weit man das Konzept noch treiben kann. Wir bezweifeln zumindest, dass Rawlinson noch bester Buddy von Elon ist.
Mit dem Air ist Lucid das Ziel jedenfalls gelungen. Und mit dem Sapphire treiben die US-Amerikaner diese Idee ins Extrem.
Der Air Sapphire ist dabei nicht einfach die stärkste Ausbaustufe einer Luxuslimousine. Er ist ein Statement dafür, was ein Elektroauto leisten kann, wenn Leistung nicht das einzige Entwicklungsziel ist. Denn trotz 1.251 PS soll der Sapphire gleichzeitig komfortabel, geräumig, effizient und langstreckentauglich sein.
Nach einigen Tagen mit dem Fahrzeug stellt sich heraus: Unrealistisch ist dieses Versprechen absolut nicht.
Das Wichtigste im Überblick
- Der Lucid Air Sapphire verbindet extreme Fahrleistungen mit einer erstaunlich langstreckentauglichen Auslegung.
- Der dreimotorige Allradantrieb, das präzise Fahrwerk und das aktive Torque Vectoring machen aus der komfortablen Limousine bei Bedarf ein ausgesprochen kompromissloses Performance-Auto.
- Hochwertiges Interieur, viel Platz und eine bemerkenswerte Effizienz stehen allerdings einigen Schwächen bei Software, Assistenzsystemen, Bedienung und Service gegenüber.
- Exterieur
- Interieur
- Antrieb und Fahreigenschaften
- Verbrauch, Aufladen & Reichweite
- Ausstattung, Komfort & Technik
- Varianten und Preise
- Vergleichbare Modelle
- Was sagen die Kunden?
- Fazit
- Pro & Contra
- Technische Daten
Exterieur – Adelsschlag für einen Edelstein
Der erste Eindruck ist beinahe irritierend. Der Lucid Air Sapphire sieht zwar elegant und ungemein dynamisch, aber nicht nach einem 1.251-PS-Auto aus. Er sieht nicht einmal besonders aggressiv aus. Seine Karosserie ist flach, lang und ausgesprochen geschmeidig gezeichnet. Die Dachlinie fällt elegant nach hinten ab, die Flanken bleiben weitgehend frei von optischem Muskelspiel.





Wo andere Hochleistungsmodelle ihre Fähigkeiten mit riesigen Lufteinlässen, Spoilern und möglichst bösem Gesichtsausdruck demonstrieren, hält sich der Lucid vornehm zurück. Das macht ihn interessant – wie wir bei jedem Halt mit Menschen in der Nähe feststellen konnten. Neugierige Blicke und nicht wenig Nachfrage nach Marke und Modell waren an der Tagesordnung.
Und während ein Porsche Taycan Turbo bereits im Stand keinen Zweifel daran lässt, dass er es mit der körperlichen Ertüchtigung des Fahrers ernst meint, wirkt der Sapphire deutlich gelassener. Der Porsche trägt seine sportliche Abstammung offen zur Schau. Der Lucid scheint sie lieber unter Verschluss zu halten.


Erst die genauere Betrachtung offenbart die Unterschiede zum normalen Air. Die Karosserie wurde für die Hochleistungsvariante breiter, die Räder fallen größer aus und die Aerodynamik wurde gezielt auf hohe Geschwindigkeiten und zusätzliche Stabilität ausgelegt. Vorn rollt der Sapphire auf 20-Zoll-Rädern, hinten auf 21-Zoll-Rädern. Die eigens entwickelten Michelin Pilot Sport 4S tragen ebenfalls ihren Teil dazu bei.

Die einzige Außenfarbe ist Sapphire Blue. Das passt erstaunlich gut. Sie wirkt exklusiv, aber nicht plakativ und verleiht dem Air genau jene Präsenz, die ihm seine zurückhaltende Formensprache zunächst verweigert. Sie ist zudem eine Hommage an das Staatsjuwel Kalifornierns, den einzigartigen Betinoit.
Überhaupt ist die Karosserie eine der großen Stärken des Sapphire. Mit gut fünf Metern Länge und einem Radstand von knapp drei Metern wirkt die Limousine alles andere als schwerfällig. Sie liegt flach auf der Straße und besitzt eine Proportion, die bereits im Stand Geschwindigkeit suggeriert – aber in gekonnter, völlig unübertriebener Dosis.



Dabei hilft auch die ausgeprägte Aerodynamik. Lucid hat den Air von Beginn an nicht als möglichst dramatische, sondern als möglichst effiziente Karosserie entwickelt. Beim Sapphire kommt nun noch die Forderung hinzu, bei deutlich über 300 km/h stabil zu bleiben. Und wer die Leistungsdaten kennt, weiß anschließend auch warum.
Interieur – Geräumig, modern, fein, aber nicht piekfein
Im Innenraum spielt der Lucid eine andere Karte. Hier muss er zeigen, dass 250.000 Euro nicht ausschließlich für einen Elektromotor ausgegeben wurden.

Das Cockpit selbst wirkt modern und hochwertig. Die drei hochauflösenden Displays – zwei fungieren als Zentraldisplay – bleiben auch bei direkter Sonneneinstrahlung sehr gut ablesbar. Leider sind sie auch leidenschaftliche Sammler von Fingerabdrücken, die nach kurzer Zeit die Displays übersäen.





Die Bedienung ist nach kurzer Eingewöhnung weitgehend selbsterklärend. Cool: Das untere Display kann elektrisch eingefahren werden, wodurch ein weiteres Ablagefach frei wird.
Alcantara, Leder, Holzdekor und zahlreiche Softtouch-Oberflächen schaffen eine ausgesprochen hochwertige Atmosphäre. Das Interieur wirkt luxuriös, ohne in die klassische deutsche Dienstwagen-Schwere abzudriften. Es ist modern, großzügig und eigenständig. Sehr angenehm ist auch der olfaktorische Part – der Sapphire duftet sehr angenehm nach Neuwagen. Und das, ohne nach Lösungsmitteln oder Kunststoffen zu müffeln.

Die gewisse Nuance Prestige haben wir allerdings nicht gefunden. Nicht abwertend zu verstehen, doch bei einer viertel Mille darf es da gerne noch mehr Detailarbeit sein, mit denen die Augen des geneigten Betrachters verzückt werden. Denn die Unterschiede zum Einstiegs-Air sind nur marginaler Natur. Da hätten wir einfach mehr erwartet.





Das (zu den anderen Air-Modellen unveränderte) Raumgefühl beeindruckt unterdessen enorm. Die Sitze bieten viel Komfort, ohne den hier wichtigen Seitenhalt oder die Beinauflage zu vernachlässigen. Der Lucid Air Sapphire ist innen deutlich größer, als es seine flache Silhouette vermuten lässt. Die Beinfreiheit im Fond ist außergewöhnlich großzügig. Selbst groß gewachsene Passagiere sitzen dort ausgesprochen entspannt. Auch die nach hinten abfallende Dachlinie führt nicht zu einem unangenehm eingeschränkten Kopfraum.
Das ist eine der Eigenschaften, mit denen sich Lucid von vielen sportlichen Elektro-Limousinen absetzt. Der Porsche Taycan kann fahrdynamisch einiges entgegensetzen, ist beim Raumangebot im Fond aber wesentlich weniger großzügig. Der Lucid spielt hier eher in der Liga klassischer Luxuslimousinen.




Ungeachtet dessen offeriert der PS-Gigant einen wahrlich riesigen Kofferraum mit 627 Litern Fassungsvermögen – auch wenn die Öffnung etwas flach ausfällt. Dafür wird mit einer Durchlademöglichkeit und zweiteilig umklappbaren Sitzen noch gehörig einer draufgesetzt. So viel Praktikabilität in einer Sportlimousine war zumindest nicht zu erwarten gewesen.



Nicht zu vergessen: der Frunk unter der sich elektrisch öffnenden Fronthaube. Dieser hat für einen solchen mit 283 Litern eine weit über dem Durchschnitt liegende Größe. Wenn man beides addiert, kommt man inklusive dem Raum im Fond deutlich über 1.000 Liter.
Antrieb und Fahreigenschaften – Achtung, Schnappatmung möglich!
Jetzt wird es ernst: Drei Elektromotoren, Allradantrieb, 1.251 PS und 1.940 Newtonmeter. Die beiden Motoren an der Hinterachse arbeiten unabhängig voneinander und ermöglichen ein sehr präzises Torque Vectoring. Lucid hat den Sapphire zudem mit einer speziell abgestimmten Fahrwerks- und Bremsentechnik ausgestattet.

Die Zahlen allein sind schon absurd. Das eigentliche Erlebnis ist aber noch einmal eine andere Angelegenheit. Der Sapphire besitzt vier Fahrmodi: Smooth, Swift, Sapphire und Track. Und diese Bezeichnungen sind nicht bloß dekorative Software-Schalter.

Im Smooth-Modus lässt sich die Limousine vollkommen entspannt bewegen. Sie rollt kultiviert, reagiert feinfühlig und vermittelt keineswegs den Eindruck, ständig darauf zu warten, den Fahrer in die nächste Dimension zu katapultieren. Genau diese Alltagstauglichkeit ist bemerkenswert und unterscheidet das Auto zu den typischen Berserkern wie Lamborghini & Co. wie die Nacht vom Tage. Denn man erwartet bei 1.251 PS fast zwangsläufig ein Auto, das permanent auf dem Sprung ist, das nervös wirkt. Der Sapphire tut das nicht. Er kann sich ausgesprochen zivilisiert benehmen.




Bis man das Fahrpedal vollständig durchdrückt. Dann wird aus der Limousine ein Ereignis. Die Beschleunigung auf 100 km/h dauert im Track-Modus und aktiver Drag-Taste rund zwei Sekunden. Der Vorgang ist derart brachial, dass selbst erfahrene Mitfahrer nach dem ersten ernsthaften Versuch zunächst ihre Sitzposition überprüfen. Der Körper wird mit Nachdruck in die Lehne gedrückt – ja verdichtet, während der Sapphire ohne jede Atempause nach vorne stürmt. Aus Angst vor unkontrollierten Atempausen fallen hierbei Insassen gerne in eine Art Schnappatmung. Man wird ja auch nicht täglich „auf den Mond geschossen“.

Bemerkenswert ist allerdings nicht nur der Start. Auch bei Geschwindigkeiten weit jenseits der 200 km/h bleibt der Vortrieb enorm. Das Fahrzeug scheint dort nicht bereits am Ende seiner Möglichkeiten angekommen zu sein, sondern lediglich einen Gang höher zu schalten, den es technisch gar nicht besitzt. Die offiziell angegebene Höchstgeschwindigkeit beträgt 330 km/h. Im Test zeigte der Tacho sogar 334 km/h.
Kommt man übrigens nach einer flotten Ausfahrt zum Stehen, blasen gewaltige Lüfter der heißen Antriebstechnik und Elektronik ordentliche Orkanstärken um die Ohren. Ein unüberhörbares Spektakel auf dem Parkplatz, was durchaus fünf bis zehn Minuten dauern kann.
Noch beeindruckender als diese Höchstgeschwindigkeit ist die Ruhe, mit der der Sapphire solche Sphären erreicht. Der lange Radstand, die präzise Fahrwerksabstimmung und die aerodynamische Auslegung sorgen für eine außergewöhnliche Souveränität. Die fehlenden Motorengeräusche wirken dennoch anfangs irgendwie skurril.

Das Fahrwerk gehört zweifellos zu den großen Stärken des Autos. Es vermittelt eine hohe Präzision und viel Rückmeldung. Die absolute Perfektion eines Porsche wird nicht ganz erreicht, doch der Abstand ist kleiner, als man angesichts der noch jungen Marke vermuten könnte. Gerade im Vergleich zu vielen asiatischen Hochleistungs-Elektroautos wirkt der Sapphire fahrerorientierter und verbindlicher. Er reagiert nicht nur schnell, sondern vermittelt nachvollziehbar, was zwischen Reifen und Asphalt gerade passiert.
Dazu passt die Carbon-Keramik-Bremsanlage. Ihre Verzögerungsleistung ist schlicht gewaltig. Das Pedal lässt sich hervorragend dosieren, bei einer Vollbremsung wird allerdings schnell klar, dass der menschliche Organismus deutlich weniger Reserven besitzt als die Technik. Vorne arbeiten 420 Millimeter große Scheiben, die von 10-Kolben-Zangen im Griff gehalten werden. Hinten sind es immer noch 390 Millimeter Durchmesser und vier Kolben.

Die Rekuperation lässt sich dreistufig einstellen. In der stärksten Einstellung kommt der Air dem One-Pedal-Driving sehr nahe. Und genau hier liegt die eigentliche Qualität des Sapphire: Er kann beides. Er kann luxuriös gleiten und er kann innerhalb von Sekunden zur kompromisslosen Hochleistungsmaschine mutieren.
Der Porsche Taycan Turbo GT ist mit 1.034 PS zwar ebenfalls ein Gegner auf Augenhöhe, bleibt beim Sprint mit 2,3 Sekunden auf 100 km/h und maximal 290 km/h jedoch hinter dem Lucid zurück. Auch der Audi RS e-tron GT performance mit seinen (zumindest für zehn Sekunden) rund tausend PS spielt in dieser Liga, benötigt 2,5 Sekunden für den Sprint und ist bei 250 km/h am reglementierten Ende der Fahnenstange. Der Sapphire setzt bei den reinen Leistungsdaten derzeit also einen bemerkenswert hohen Maßstab. Das Entscheidende ist allerdings: Die Leistung bleibt nicht isoliert, sondern wird durch ein Fahrwerk getragen, das tatsächlich damit umgehen kann.
Verbrauch, Aufladen & Reichweite des Lucid Air Sapphire
Ein Auto mit 1.251 PS über den Verbrauch zu beurteilen, ist ein wenig so, als würde man einen Rennfahrer nach seinem Kalorienverbrauch beim Sprint fragen. Trotzdem besitzt der Sapphire gerade in dieser Disziplin eine bemerkenswerte Eigenschaft und brachte uns auch hier zum staunen: Er ist erstaunlich effizient.

Lucid gibt für den Air Sapphire einen WLTP-Verbrauch von 19,1 kWh/100 km und eine Reichweite von bis zu 694 Kilometern an. Damit gehört der Sapphire trotz seiner enormen Leistung zumindest auf dem Papier zu den reichweitenstarken Hochleistungs-Elektroautos.
Soweit die Theorie, im Test zeigte sich folgendes Bild: Der Drittelmix-Durchschnitt lag im Alltag bei 22,7 kWh auf 100 Kilometer. Die Sparrunde durchfuhr das PS-Monster mit für ein solches Auto unglaublich knausrigen 13,3 kWh auf hochgerechnet 100 Kilometer – ein Wert, den man eher bei einem Prius erwarten würde und der beweist, wie sparsam selbst so ein Auto unterwegs sein kann.
Ja, und wenn man ihn fliegen lässt? Dann sinkt der Batteriestand so schnell wie das Wasser aus der Badewanne nach dem Stöpsel ziehen. Bei Tempo 300 plus fallen die Prozente nahezu im Sekundentakt – ganz klar, bei Volllast ist gehörig was los unter dem Blechkleid.



Beim Aufladen fanden wir nicht immer Goldstaub, sondern auch Kritik, die wir auch anbringen müssen. Die manuelle Batterievorkonditionierung benötigt 45 Minuten und sollte tatsächlich vollständig durchgeführt werden. Wird die Ladesäule über die bordeigene Navigation als Ziel ausgewählt, übernimmt der Air die Vorkonditionierung automatisch. Das ist grundsätzlich elegant gelöst. Wer allerdings spontan an einer Schnellladesäule landet und vorher nicht ausreichend vorbereitet hat, muss sich auf einen deutlichen Unterschied bei der Ladeleistung einstellen.




Unter optimalen Bedingungen wurden im Test bis zu 310 kW Ladeleistung erreicht – allerdings nur für kurze Zeit. Danach fiel der Wert innerhalb von einigen Minuten auf ungefähr 160 kW. Von 14 auf 80 Prozent stieg der Ladezustand innerhalb von 28 Minuten. Eine vollständige Ladung auf 100 Prozent dauerte 68 Minuten.
Eine kleine Eigenheit sorgt zudem für unnötige Irritationen. Die Ladeklappe öffnet und schließt elektrisch per Touchbefehl auf den Displays. Wer nach dem Öffnen nicht schnell genug das Kabel einsteckt, kann erleben, dass sie bereits wieder zufährt. Auch ist beim Entsperren des Autos der Touchbutton nicht immer sofort verfügbar; vereinzelt dauerte dies bis zu 45 Sekunden.




Noch eigenwilliger ist die Ladefreigabe: Alle Türen mussten im Test vollständig geschlossen sein, anschließend verriegelt der Wagen unmittelbar nach Ladebeginn. Befindet sich der Schlüssel im Fahrzeug, startet der Ladevorgang nicht. Ist er dann gestartet, spielt das Öffnen und Schließen sowie das Ver- und Entriegeln keine Rolle mehr beim Ladevorgang.
Auch die Darstellung der Energiedaten könnte besser sein. Der Ladezustand lässt sich entweder als Reichweite oder in Prozent anzeigen, nicht gleichzeitig. Der Bordcomputer gibt den Verbrauch zudem in Kilometer pro Kilowattstunde aus und nicht in der in Europa üblichen Einheit kWh/100 km. Technisch ist das nicht falsch. Praktisch ist es schlicht weniger komfortabel.



Und dann ist da noch die Reichweite. Wie immer, hängt diese enorm von der Fahrweise ab. Im Durchschnitt kamen wir auf gut 400 Kilometer mit einer Batteriefüllung. Dabei fuhren wir auch Autobahn und auch mal um die 200 km/h schnell. Wer ganz behutsam mit dem Gaspedal umgeht und die Autobahn meidet, übertrifft die Werksangabe theoretisch mit über 800 Kilometern deutlich. Vollgasorgien lassen dagegen kaum 200 Kilometer Abstand zwischen den notwendigen Ladepunkten. Auch theoretisch, denn wo kann man schon 300 km/h am Stück über besagte 200 Kilometer fahren.
Ausstattung, Komfort & Technik
Da der Sapphire grundsätzlich als voll ausgestattetes Modell angeboten wird, entfällt die bei Luxusfahrzeugen sonst beliebte Frage, welche der sieben Pakete man denn nun unbedingt noch anklicken sollte. Die Ausstattung ist umfangreich und entspricht im Großen und Ganzen dem Anspruch des Fahrzeugs.





Besonders positiv fallen die Kamerasysteme auf. Rund um den Air entstehen hochauflösende und farbintensive Bilder. Beim Betätigen des Blinkers wird automatisch die jeweilige Totwinkelkamera eingeblendet. Bei Dunkelheit lässt die Bildqualität allerdings deutlich nach. Gerade bei einem Fahrzeug dieser Preisklasse ist das nicht ganz überzeugend.
Der Abstandsregeltempomat arbeitet dagegen ausgesprochen präzise. Seine Regelvorgänge wirken souverän und gut abgestimmt. Auch die Fahrerüberwachung und Müdigkeitserkennung überzeugen, weil sie nicht permanent Alarm schlagen. Ein kurzer Blick zur Seite wird nicht sofort zum sicherheitsrelevanten Großereignis erklärt.
Der gesetzlich vorgeschriebene Geschwindigkeitswarner lässt sich erfreulicherweise mit wenigen Touch-Befehlen deaktivieren.
Beim Spurhalteassistenten sollte derweil nachjustiert werden. Seine Lenkeingriffe wirken teilweise etwas nervös und gelegentlich interpretiert das System die Situation nicht ganz korrekt. Vor allem in Baustellen mit überlappenden Fahrspurmarkierungen oder farblich unterschiedlichen Asphaltübergängen gab es permanent Fehlinterpretationen.
Dazu kommt ein eigentümliches Geräusch: Bei Lenkeingriffen erzeugt der Assistent ein mechanisches Vibrationsgeräusch, das frappierend an ein Mobiltelefon der frühen Generationen erinnert. Das erfüllt zwar den Zweck, aber bei einem Auto dieser Klasse erwartet man eigentlich nicht, dass die Assistenzsysteme akustisch Erinnerungen an die Motorola- oder Ericsson-Ära wecken.

Die Matrixscheinwerfer arbeiten zuverlässig und blenden andere Verkehrsteilnehmer sicher aus. Das Abblendlicht leuchtet weit und hell aus. Bei der Feinauflösung des Lichtbildes erreichen die Scheinwerfer allerdings nicht ganz das Niveau der aktuell besten HD-Matrixsysteme namhafter Hersteller.

Eine echte Katastrophe ist hingegen der DAB-Empfang. Wenn ein Radiosignal bereits in einer Brückenunterführung aussetzt, darf man bei einem 250.000-Euro-Auto durchaus kurz nach dem Verantwortlichen fragen. Noch ärgerlicher war der Totalausfall von Android Auto und Apple CarPlay in unserem Test. Nach einigen Tagen funktionierte die Verbindung plötzlich nicht mehr. Eine erneute Anmeldung des Smartphones und ein Neustart des Infotainments halfen auch nicht. Nach einem weiteren Neustart waren Android Auto und Apple CarPlay gänzlich ausgegraut und nicht mehr aktivierbar. Das mehrfache Auswechseln der Smartphones brachte hier ebenfalls keine Änderung.
Das sind kleine Schwächen, die man vielleicht bei einem Kleinwagen noch mit Contenance beim Händler beanstandet, aber ein Luxusauto wie dieses löst damit weit mehr als Unverständnis und Ärger aus.





Das Google-basierte Infotainment überzeugt derweil vor allem durch seine Navigation. Ziele werden präzise gefunden, die Routenführung funktioniert zuverlässig und die Bedienlogik erschließt sich schnell. Allerdings leistet sich Lucid ausgerechnet beim Info-Management einen erstaunlichen Aussetzer: Ein Head-up-Display fehlt.
Bei einer gewöhnlichen Limousine könnte man darüber hinwegsehen. Bei einem Fahrzeug, das offiziell 330 km/h schnell ist und in rund zwei Sekunden auf 100 km/h beschleunigt, ist es deutlich schwerer zu erklären. Je nach Sitz- und Lenkradposition kann der Blick auf den digitalen Tacho teilweise eingeschränkt sein. Der Fahrer muss den Kopf dann leicht absenken, um die Geschwindigkeit sicher abzulesen.
Auch beim Soundsystem bleibt der Sapphire etwas hinter den Erwartungen zurück. Der Klang ist dynamisch, kräftig und besitzt einen satten Tieftonbereich. Die ganz große audiophile Offenbarung bleibt jedoch aus. Wer von einem High-End-System wie etwa Burmester oder Bowers & Wilkins verwöhnt ist, wird im Lucid nicht unbedingt seine neue Referenz finden.


Überhaupt ist der Sapphire nicht völlig frei von anderen kleinen Geräuschen. Auf bereits vor dem zweiten Weltkrieg angelegten Natursteinpflaster waren vereinzelt Knarzgeräusche aus dem Bereich der Instrumententafel wahrnehmbar. Dazu kamen bei höherem Tempo leichte Windgeräusche am Fenster der Fahrertür. Bei einem 50.000-Euro-Auto wären solche Beobachtungen schnell vergessen. Bei 250.000 Euro werden sie automatisch Bestandteil des Protokolls.
Varianten und Preise des Lucid Air Sapphire
Beim Lucid Air ist die Preisstruktur angenehm übersichtlich. Der Air ist in Deutschland als Pure ab 85.900 Euro erhältlich, der Touring startet bei 99.900 Euro und der Grand Touring bei 130.900 Euro.
Der Sapphire bildet die Spitze und kostet 250.000 Euro, bereits vollständig ausgestattet.

Damit macht Lucid etwas, das im Luxussegment selten geworden ist: Der Kunde bekommt beim Sapphire praktisch keine lange Optionsliste, auf der am Ende noch einmal der Preis eines Kleinwagens verschwindet.
Vergleichbare Modelle
Der eigentliche Vergleich wird dadurch allerdings umso interessanter.
Der Porsche Taycan Turbo GT startet aktuell bei 241.100 Euro. Damit liegen beide Fahrzeuge preislich erstaunlich dicht beieinander. Da wird der Lucid im direkten Datenvergleich geradezu unangenehm selbstbewusst.
Der Porsche hat allerdings einen gewaltigen Vorteil: seine jahrzehntelang gewachsene sportliche Reputation und die daraus resultierende Erfahrung in Fahrdynamik, Fahrwerksabstimmung und Hochleistungsfahrzeugen. Genau deshalb ist es bemerkenswert, wie dicht der Lucid fahrdynamisch an dieses Niveau herankommt.

Der etwas schwächere Audi RS e-tron GT performance startet bei im Vergleich nahezu moderaten rund160.000 Euro, kann aber aufgrund einer langen Optionsliste preislich noch um einiges zulegen.
Was sagen die Kunden?
Eins vorweg: Die Basis an Sapphire-Besitzer ist weltweit relativ überschaubar, daher kann unsere Recherche maximal als Stimmungsbild und nicht als repräsentative Statistik gesehen werden.
Beim Sapphire ist es spannend, dass die Besitzer den Wagen bei Fahrleistungen, Komfort und Alltagstauglichkeit teilweise geradezu euphorisch beurteilen, während Software, Service und einzelne Qualitätsdetails immer wieder für Kritik sorgen. Das passt erstaunlich gut zu unseren in diesem Test gemachten Erfahrungen mit dem Fahrzeug.
Drei Beispiele:
Ein verifizierter Sapphire-Besitzer in den USA berichtet im Juli 2026 nach rund 33.800 Kilometern, der Sapphire sei weiterhin das beste Auto, das er jemals besessen habe. Mechanisch habe sich der Wagen nach einem schwerwiegenden Softwareproblem als zuverlässig erwiesen. Die Reparatur dieses Problems dauerte allerdings drei Wochen, weil Lucid eigens einen Software-Patch entwickeln musste. Positiv bewertet der Besitzer insbesondere die Fahrleistungen, die Alltagstauglichkeit und das Fahrverhalten bei schlechtem Wetter. Gleichzeitig kritisiert er unter anderem den unzuverlässigen digitalen Schlüssel, einige Software-Eigenheiten und das Verhalten bestimmter Assistenzsysteme.
Ein anderer Sapphire-Besitzer – auch aus den Vereinigten Staaten – zieht sogar einen Vergleich zu Ferrari, McLaren und Porsche. Er berichtet, den Sapphire nach dem Wechsel von einem Porsche 911 Turbo S ausgesprochen zu schätzen. Der Porsche sei fahrdynamisch überlegen, der Lucid biete dafür eine enorme Beschleunigung, hohe Laufruhe und einen bemerkenswerten Komfort.
Das Bild ist allerdings keineswegs ausschließlich positiv. Ein Besitzer berichtet von sieben Werkstattterminen und insgesamt 15 Tagen Ausfall innerhalb eines Jahres. Genannt werden unter anderem Probleme mit Bremsanlage, Wassereintritt, Karosserieteilen, Spurwechselwarnung und Ladeanschluss. Seine Kritik richtet sich deshalb nicht primär gegen das Auto selbst, sondern gegen Verarbeitungsqualität und Kundendienst.
Fazit – Sorry, dieses ist diesmal etwas länger ausgefallen
Es ging auch nicht anders. Denn der Lucid Air Sapphire ist ein Auto, das seine eigene Logik besitzt. Er sieht aus wie eine elegante Luxuslimousine und fährt sich im Alltag auch so. Er bietet im Fond Platzverhältnisse, die man eher von einer repräsentativen Limousine erwartet, besitzt einen großen Kofferraum samt Frunk und lässt sich auf langen Strecken erstaunlich entspannt bewegen.

Dann stehen 1.251 PS bereit. Und plötzlich ist von Zurückhaltung keine Rede mehr. Die Beschleunigung ist brachial, der Vortrieb bleibt auch bei sehr hohen Geschwindigkeiten gewaltig und die Stabilität bei 300 km/h verdient Respekt. Gleichzeitig überzeugt das Fahrwerk mit einer Präzision, die den Sapphire tatsächlich als ernstzunehmenden Hochleistungssportler qualifiziert.
Das eigentlich Bemerkenswerte ist jedoch die Spreizung. Der Sapphire muss nicht permanent beweisen, wie schnell er ist. Er kann kultiviert, komfortabel und beinahe unauffällig sein. Wer möchte, verwandelt ihn innerhalb weniger Sekunden in ein Fahrzeug, dessen Leistungsfähigkeit den normalen Straßenverkehr geradezu absurd erscheinen lässt. Dass ausgerechnet ein relativ junger Hersteller einen solchen Spagat derart überzeugend hinbekommt, ist die vielleicht größte Überraschung.

Perfekt ist der Sapphire trotzdem nicht. Das fehlende Head-up-Display, die im Test ausgefallenen Smartphone-Schnittstellen, der miserable DAB-Empfang und die Kameradarstellung bei Dunkelheit sind die auffälligsten Dinge, die aus unserer Sicht weder zum Antrieb noch zum Anspruch eines 250.000-Euro-Autos passen.
Aber dann setzt man sich wieder hinein und fährt los. Und spätestens beim ersten ernsthaften Beschleunigungsmanöver ist ziemlich schnell klar, dass Lucid etwas geschafft hat, woran viele Hersteller seit Jahren arbeiten: ein Elektroauto zu bauen, das nicht ausschließlich über seine Batterie, seine Software oder seine Leistungswerte definiert wird. Der Air Sapphire besitzt Charakter.

Er ist luxuriös, schnell, erstaunlich geräumig und technisch ambitioniert. Vor allem aber kann er Dinge miteinander verbinden, die sich bei derartig potenten Fahrzeugen normalerweise gegenseitig ausschließen. Er ist eine überaus beeindruckende Mixtur aus Sportwagen, Luxuslimousine und Gran Turismo. Sein Preis wird ihn zu einem Exoten machen, den man ziemlich sicher seltener auf deutschen Straßen erblicken wird, als so manchen Klassiker.
Text & Fotos: NewCarz
Pro & Contra
Pro:
- Exorbitante, ja absurde Fahrleistungen
- Enorme Spreizung zwischen Komfort und Sportlichkeit
- Hochwertiger Innenraum mit überaus großzügigem Platzangebot
- Hohe Reichweite und sehr schnelles Laden
- sicherer Exotenstatus
Contra:
- sehr hoher Preis
- Schwächen bei Software und Smartphone-Integration
- kein Head-up-Display
- teilweise Defizite bei Assistenzsystemen und Qualitätsanmutung
- dünnes Händlernetz
Konkurrenz: Porsche Taycan Turbo S GT, Audi RS e-tron GT performance
Technische Daten: Lucid Air Sapphire
- Farbe: Sapphire Blue Metallic
- Fahrzeugklasse: Oberklasse
- Länge x Breite x Höhe (m): 5,01 x 2,00 (2,20 mit Außenspiegel x 1,41
- Radstand (mm): 2.960
- Antrieb: 3 x E-Motoren; 2x pro Hinterrad + 1 x Vorderachse
- Systemleistung: 920 kW (1.251 PS)
- Dauerleistung 473 kW (643 PS)
- Drehmoment (Nm): 1.940
- Getriebe: stufenloses Reduktionsgetriebe
- Antriebsart: Allrad mit Torque-Vectoring
- Durchschnittsverbrauch (WLTP) (kWh/100km): 19,1
- Durchschnittsverbrauch (NewCarz) (kWh/100km): 22,7
- Abgasnorm: E-Auto
- Höchstgeschwindigkeit (km/h): 330
- Beschleunigung von 0 auf 100 km/h (sec): 2,0
- Wendekreis (m): 12
- max. Bodenfreiheit (mm): 126
- max. Kofferraumvolumen (l): 627 + 283 (Frunk)
- Leergewicht (kg): 2.420
- Zuladung (kg): 430
- max. Anhängelast ungebremst/gebremst (kg): –
- max. Stützlast (kg): –
- max. Dachlast (kg): 75
- Batterie: Nickel-Cobalt-Mangan
- Batteriekapazität: 118 kWh (brutto)
- Ladeanschluss: vorne links, CCS/Typ 2
- Ladezeiten 10 auf 80 % DC Werksangabe/NewCarz (min): 33/28
- max. Ladestrom Werksangabe/NewCarz (kW): 300/311
- Reichweite kombiniert – Werksangabe/NewCarz (km): 694/421
- Kraftstoffart: Elektroenergie
- Neupreis des Testwagens (Euro inkl. MwSt.): 250.000 Euro (Basispreis Sapphire: 250.000 Euro)

Unser Chefredakteur erstellt seit 2015 schwerpunktmäßig Fahrberichte und testet alle Fahrzeuge akribisch – mit Liebe zum Detail – auf Herz und Nieren. Dabei entgeht ihm nichts. Seine Objektivität bewahrt er dabei kompromisslos. Robertos Spezialgebiete sind neben SUVs und Kombis die alternativen Antriebskonzepte. Sein Herz schlägt aber auch gern im V8-Takt.
