Der Nissan Ariya war von Anfang an ein Elektro-SUV, welches eine Mischung aus Ruhe, Komfort und einem fast schon japanisch reduzierten Innenraum gehörig Eindruck schinden konnte.
In mehreren Tests überzeugte der Ariya dabei in vielerlei Hinsicht. Mit dem aktuellen Modelljahr wurde der Ariya nun technisch nachgeschärft. Das Facelift bringt unter anderem Google Built-in, neue Assistenzfunktionen und Änderungen bei der Smartphone-Ladetechnik.
Für unseren Erstkontakt stand der Ariya e-4ORCE Evolve Pack mit 306 PS und 87-kWh-Batterie bereit. Der Allradler gehört damit zu den kräftigeren Varianten des Programms und kombiniert zwei Elektromotoren mit dem von Nissan entwickelten e-4ORCE-System.
Optisch bleibt der Ariya seinem bisherigen Auftritt treu, bekommt aber neue Farbtöne. Unser Testwagen trug „Plasma Green mit Pearl Black“. Das ist eine relativ zurückhaltende Farbgebung, die zweifellos ein Fall des persönlichen Geschmacks bleibt. Wir würden extrovertierte Farben bevorzugen. Aber Autos sollen schließlich nicht nur gefallen, sondern gelegentlich auch Gesprächsstoff liefern.
Außen und Innen: Geometrie der ruhigen Linien
Der Ariya bleibt auch nach der Überarbeitung eine ausgesprochen eigenständige Erscheinung. Die flache, geschlossene Front, die schmalen Leuchten und die coupéartige Dachlinie lassen ihn eher wie eine große elektrische Fließheck-Limousine mit Höherlegung wirken als wie einen klassisches SUV.





Mit seinen Außenabmessungen bewegt sich der Ariya ziemlich genau in jener Fahrzeugklasse, in der Parkplatzsuche und Innenraumangebot gerne einmal miteinander verhandeln. Der Radstand von 2,78 Metern schafft allerdings ausreichend Platz für die Passagiere. Apropos Rad: das neue Raddesign – im Newsbericht bereits erwähnt – sieht in echt nochmals cooler aus als auf Fotos und passt perfekt in das Gesamtbild des Ariya.
Im Innenraum bleibt das Konzept angenehm aufgeräumt. Die beiden großen Displays für Instrumente und Infotainment ziehen sich optisch über das Armaturenbrett, während zahlreiche Funktionen über berührungsempfindliche Flächen gesteuert werden. Dazu kommen klassische Bedienelemente dort, wo Nissan offenbar der Meinung war, dass man sie weiterhin gut gebrauchen kann. Eine vernünftige Entscheidung.





Neu beziehungsweise deutlich wichtiger ist die Google-Integration. Das Infotainment nutzt Google-Dienste, wodurch vor allem die Navigation einen deutlichen Schritt nach vorn macht. Google Maps kann die aktuelle Batteriereichweite berücksichtigen und die Route auf den Ladebedarf abstimmen. Nissan beschreibt ausdrücklich eine Routenplanung, die Ladebedarf, voraussichtliche Ladezeit und Gesamtfahrtdauer miteinander verrechnet. Das ist für ein Elektroauto weit mehr als ein hübsches Zusatzfeature. Eine Navigation, die nicht erst am Ladestand von 8 Prozent feststellt, dass irgendwo zwischen Hamburg und München eine Ladesäule stehen könnte, gehört inzwischen zum guten Ton.




Ein Blick auf die Mittelkonsole zeigt eine weitere Veränderung. Die induktive Ladestation wanderte an deren Spitze und gibt nun mehr Platz für das Fach unter der Armauflage frei.
Antrieb und Fahreigenschaften – Ionentanz auf allen Vieren
Unser Ariya e-4ORCE bringt 225 kW beziehungsweise 306 PS auf die Straße. Die Kraft stammt aus zwei Elektromotoren, die jeweils eine Achse antreiben. Das maximale Drehmoment beträgt 600 Newtonmeter.

Damit besitzt der große Nissan eine beeindruckende Souveränität. Die Kraftentfaltung ist unmittelbar, gleichzeitig aber nicht nervös. Der Ariya schiebt kräftig an, ohne daraus bei jeder Gelegenheit eine Demonstration zu machen. Man muss auch beachten, dass diese Leitung nicht dauerhaft zur Verfügung steht. Doch das muss auch gar nicht sein, da das maximale Potenzial eh nur immer temporär beansprucht wird, wie beispielsweise beim Überholvorgang oder beim Auffahren auf die Autobahn.
Auf 100 km/h geht es in flotten 5,7 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 200 km/h, was nicht nur für ein knapp 2,2 Tonnen schweres Elektro-SUV eine Ansage ist, sondern im Genre der E-Autos immer noch selten zu finden erscheint.

Interessanter als die reine Beschleunigungszahl ist allerdings das e-4ORCE-System. Nissan verteilt die Antriebskraft zwischen Vorder- und Hinterachse situationsabhängig und kann auch die Verzögerung an den einzelnen Rädern beeinflussen. Das sorgt für zusätzliche Traktion und soll gleichzeitig das Fahrverhalten beruhigen. Im Erstkontakt machte der Ariya dies sehr souverän, wobei das bei trockener Fahrbahn auch nicht wirklich ein Kunststück ist.
In unserem Fall fuhr sich der Ariya entsprechend sehr gelassen. Er ist ein SUV, welches das Gefühl vermittelt, dass die Ingenieure gerne ein paar Reserven eingebaut haben, die man nicht permanent abrufen muss.
Die Lenkung arbeitet präzise, das Fahrwerk bleibt komfortorientiert. Gerade auf längeren Strecken wird der Ariya seine Stärken ausspielen können – da sind wir uns sicher, weil dies bereits in entsprechenden Test des Vorfacelifts der Fall war. Der schwere Akku sitzt tief im Fahrzeugboden und sorgt für einen niedrigen Schwerpunkt, während die Allradtechnik bei schlechteren Bedingungen zusätzliche Sicherheit bei der Kraftübertragung bietet.

Die 87-kWh-Batterie ermöglicht beim e-4ORCE laut Nissan eine WLTP-Reichweite von bis zu 507 Kilometern. Der kombinierte Stromverbrauch liegt bei 20,4 kWh/100 km. Der maximale Ladestrom fällt mit 130 kW im Vergleich zum Wettbewerb recht mager aus; auch die angegebenen 30 Minuten Ladezeit, um von zehn auf 80 Prozent zu kommen, waren vor einigen Jahren sicher toll, aber mittlerweile ist das im Konkurrenzvergleich nur noch unteres Mittelfeld.

Ein kleiner Makel aus der Vergangenheit bleibt allerdings erhalten. Sobald der Ariya zum Stillstand kommt, fährt die Klimatisierung das Gebläse sehr weit herunter und wechselt praktisch in eine Art Standby-Betrieb. Das fällt bei milden Temperaturen kaum auf. An einem heißen Sommertag allerdings möchte man im stehenden Auto nicht unbedingt erleben, wie die Klimaanlage ihre persönliche Mittagspause einlegt. Gerade beim Warten an einer Ampel oder im Stau wäre eine konstant kräftige Luftzirkulation angenehmer.
Ausstattungs-Highlights des Nissan Ariya Facelift
Auch beim Komfort bleibt der Ariya seinem Anspruch treu. In der Ausstattung „Evolve Pack“ sind unter anderem das 10,8-Zoll-Head-up-Display, ein Bose-Premium-Soundsystem, das Panorama-Glasschiebedach und ProPILOT Assist mit Navi-Link an Bord.

Bei den Assistenzsystemen hat Nissan nachgelegt. Besonders auffällig ist die Fahrerüberwachung. Eine kleine Überwachungssensorik sitzt direkt hinter dem Lenkradkranz und beobachtet den Fahrer. Das System reagiert ausgesprochen aufmerksam. Schon wenn der Blick für einige Sekunden vom Verkehrsgeschehen abgewendet wird und beispielsweise zum zentralen Bildschirm wandert, kann eine Warnung erfolgen. Damit macht der Ariya unmissverständlich klar, dass sein Fahrer zwar gerne mit moderner Technik arbeiten darf, während der Fahrt aber bitte nicht zum Beifahrer des eigenen Autos werden sollte.





Eine weitere Neuerung ist der Forward Assist. Er unterscheidet sich vom klassischen adaptiven Tempomaten dadurch, dass er auch ohne aktivierten adaptiven Tempomat den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug überwachen und die Geschwindigkeit entsprechend anpassen kann.
Dabei gibt es allerdings eine wichtige Einschränkung: Das System ist auf bewegte Objekte beziehungsweise vorausfahrende Fahrzeuge ausgelegt. Es ersetzt deshalb weder den Fahrer noch eine Notbremsfunktion für jedes beliebige Hindernis. Nissan beschreibt die entsprechenden Vorwärtsfahrhilfen grundsätzlich als Systeme, die Fahrzeuge, Fußgänger oder Radfahrer erkennen und bei Kollisionsgefahr warnen beziehungsweise bremsen können.
Der klassische intelligente Tempomat beziehungsweise ProPILOT arbeitet weiterhin mit einer eingestellten Geschwindigkeit und einem definierten Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug. In einem ersten Test auf der Autobahn und über Landstraßen funktionierte dies reibungslos und angenehm unaufgeregt.
Im Evolve Pack kommt zudem ProPILOT Assist mit Navi-Link hinzu. Das System kann nicht nur den Abstand und die Spurführung unterstützen, sondern auch Informationen aus der Navigation in die Geschwindigkeitsregelung einbeziehen. Hinzu kommt ProPILOT Park, das den Ariya beim Einparken unterstützt.
Eine weitere, zunächst unscheinbare Änderung betrifft das Smartphone-Laden. Nissan hat das induktive Ladefeld überarbeitet und mit MagSafe-Kompatibilität versehen. Die Ladefläche sitzt nun vorne an der Mittelkonsole, frei von Abdeckungen und damit wesentlich zugänglicher als zuvor unter der Armlehne. Außerdem wird sie aktiv gekühlt.
Im kurzen Praxistest funktionierte das Laden ausgesprochen zuverlässig. Das Smartphone findet seinen Platz, bleibt dort und bekommt Strom, ohne dass man nach jedem Kurvenmanöver kontrollieren muss, ob das Telefon gerade noch lädt. Eine kleine Veränderung, die im täglichen Gebrauch deutlich mehr bringt als mancher große Marketingbegriff.
Varianten und Preise des Nissan Ariya Facelift
Das Nissan Ariya Facelift ist seit Juli – also seit rund drei Monaten – auf dem deutschen Markt und wird mit zwei Antriebskombinationen angeboten. Die Ausstattung „Evolve Pack“ und die Batteriegröße sind die einzige erhältliche Ausstattungsmöglichkeit. Die kleinere Batterie wurde gestrichen und auch die sportliche Nismo-Variante wird es nicht mehr geben. Durch den Wegfall der kleineren Batterie liegt der Einstiegspreis ab Facelift entsprechend deutlich höher.

Aktuell listet Nissan diese beiden Kombinationen:
- Ariya 87 kWh, 242 PS, Frontantrieb: ab 58.840 Euro
- Ariya e-4FORCE 87 kWh, 306 PS, Allradantrieb: ab 63.840 Euro
Fazit – Fahrvergnügen mit Alltagstauglichkeit und Einstiegshürde
Der überarbeitete Nissan Ariya bleibt ein ausgesprochen komfortables Elektro-SUV, gewinnt durch die Neuerungen aber deutlich an Alltagstauglichkeit. Vor allem Google Maps mit integrierter Ladeplanung ist eine sinnvolle Verbesserung, weil die Navigation damit stärker auf die tatsächlichen Bedürfnisse eines Elektroautos eingeht.
Auch die neue Fahrerüberwachung und der Forward Assist erweitern das Assistenzangebot. Dabei zeigt sich allerdings gleichzeitig, dass moderne Fahrerassistenz zunehmend mit Argusaugen über den Fahrer wacht. Wer während der Fahrt länger auf das Infotainment schaut, bekommt das ziemlich schnell mitgeteilt.

Der e-4ORCE mit 306 PS passt hervorragend zum Charakter des Ariya. Die Leistung ist üppig, die Kraftentfaltung souverän und der Allradantrieb vermittelt zusätzliche Traktion, ohne dass der Nissan seine komfortable Grundausrichtung aufgibt.
Unterm Strich zeigt das Facelift, wie Nissan mit einigen gezielten technischne Eingriffen hinbekommt, das Elektro-SUV noch deutlich zeitgemäßer wirken zu lassen. Der Ariya bleibt ein entspannter Reisewagen, bekommt aber nun die digitale Infrastruktur, die zu seinem Anspruch passt. Ein bisschen mehr Ladeleistung hätten wir uns im Rahmen des Facelifts aber gewünscht, da zieht die Konkurrenz insbesondere im Premiumbereich mittlerweile davon.
Schade finden wir zudem den gestiegenen Ab-Preis aufgrund des Wegfalls der kleineren Batterie – das lässt die Hürde zum Schönling aus dem Hause Nissan deutlich größer werden, denn der Einstiegspreis liegt nun rund 15.000 Euro höher, wodurch die Zielgruppe entsprechend schrumpfen dürfte.
Text & Fotos: NewCarz
Technische Daten: Nissan Ariya e-4ORCE Envolve Pack
- Länge x Breite x Höhe (m): 4,60 x 2,17 (mit Außenspiegel) x 1,65
- Radstand (mm): 2.775
- Antrieb: 2x E-Motor
- max. Leistung: 225 kW (306 PS)
- Drehmoment (Nm): 600
- Akku Kapazität (kWh): 87
- Ladeanschluss: CCS/Typ 2 kombiniert (vorn rechts)
- Ladezeit von 10 bis 80 % DC mit max. 130 kW Werksangabe (min): 30
- Ladezeit von 10 bis 100 % AC mit max. 11 kW Werksangabe (min): 300
- Reichweite Werksangabe (km): 507
- Getriebe: stufenloses Reduktionsgetriebe
- Antriebsart: Allrad
- Durchschnittsverbrauch (WLTP): 20,4 kWh/100 km
- CO2-Emissionen (Werksangabe): 0 g/km
- Abgasnorm: Elektroauto
- Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h
- Beschleunigung von 0 auf 100 km/h (sec): 5,7
- Wendekreis (m): 10,8
- Kofferraum (l): 415 bis 1.280
- Leergewicht (kg): 2.315
- Zuladung (kg): 396
- max. Anhängelast ungebremst/gebremst (kg): 750/1.500
- max. Stützlast (kg): 75
- max. Dachlast (kg): 75
- Kraftstoffart: elektrische Energie
- Neupreis des Testwagens: 65.340 Euro
- Basispreis: 58.840 Euro

Unser Chefredakteur erstellt seit 2015 schwerpunktmäßig Fahrberichte und testet alle Fahrzeuge akribisch – mit Liebe zum Detail – auf Herz und Nieren. Dabei entgeht ihm nichts. Seine Objektivität bewahrt er dabei kompromisslos. Robertos Spezialgebiete sind neben SUVs und Kombis die alternativen Antriebskonzepte. Sein Herz schlägt aber auch gern im V8-Takt.
