163.500 Euro Einstiegspreis, 550 PS, 850 Newtonmeter und bis zu 600 Kilometer Reichweite: Mit dem Range Rover Electric wagt sich die britische Luxusmarke auf elektrisches Terrain.
Dabei soll ausgerechnet dort weiterhin alles gehen, wo viele Elektro-SUVs anfangen zu schwächeln: im Gelände.
Seit 1970 steht der Range Rover für eine ziemlich einzigartige Mischung: luxuriös genug für den Boulevard, geländegängig genug für den Acker und komfortabel genug, um beides möglichst ohne Rückenschmerzen zu erledigen. Jetzt kommt der nächste große Schritt. Der Range Rover Electric ist der erste vollelektrische Range Rover und soll die klassische DNA der Baureihe mit den Möglichkeiten moderner Elektrotechnik verbinden.
Das Rezept klingt zunächst erstaunlich simpel: zwei Elektromotoren, 800-Volt-Technik, eine große Batterie und jede Menge Leistung. Dahinter steckt allerdings erheblich mehr Ingenieursarbeit, als die dezent-elegante Optik vermuten lässt.
Erst Range Rover, dann Elektroauto
Optisch geht Range Rover den konservativen Weg. Und das ist vermutlich genau die richtige Entscheidung. Statt den elektrischen Ableger mit futuristischen Designspielereien zu überladen, bleibt der Electric klar als Range Rover erkennbar.
Die Veränderungen fallen entsprechend dezent aus. Ein aerodynamisch optimierter Kühlergrill, spezielle Räder und ein eigens entwickelter Unterboden sollen den Luftwiderstand reduzieren und damit insbesondere bei Autobahntempo die Reichweite verbessern. Ansonsten bleibt die bekannte, bewusst reduzierte Formensprache erhalten.

Das elektrische Zeitalter wird also nicht mit einem Raumschiffkostüm gefeiert. Wer einen Range Rover bestellt, soll auch künftig nicht erklären müssen, warum sein SUV plötzlich aussieht wie ein überdimensionaler Toaster.
Range Rover Electric mit 550 PS und 850 Newtonmeter
Unter der Karosserie sieht die Sache deutlich weniger zurückhaltend aus. Zwei Elektromotoren mit jeweils bis zu 260 kW sorgen für einen elektrischen Allradantrieb. In der Spitze stehen bis zu 550 PS zur Verfügung. Das maximale Drehmoment beträgt 850 Nm und ist – wie immer bei E-Antrieben – ohne Verzögerungen sofort verfügbar.
Damit bewegt sich der Range Rover Electric leistungsmäßig auf dem Niveau eines kräftigen V8-Modells, nur dass das Drehmoment praktisch ohne Verzögerung anliegt. Die Kraftentfaltung dürfte entsprechend nicht nur souverän, sondern geradezu absurd mühelos ausfallen.

Noch wichtiger als die nackten Leistungsdaten ist allerdings die Regelung des Antriebs. Das neu entwickelte Traktionsmanagement soll innerhalb von gerade einmal 50 Millisekunden auf wechselnde Bedingungen reagieren. Das entspricht einer Reaktionsgeschwindigkeit, die rund 100-mal schneller als bei einem klassischen Fahrzeug mit Verbrennungsmotor sein soll.
Gerade im Gelände ist das interessant. Statt Schlupf erst entstehen zu lassen und anschließend darauf zu reagieren, kann das System die Kraftverteilung zwischen den beiden Elektromotoren nahezu unmittelbar anpassen.
Elektrisch durch den Matsch
Range Rover betont ausdrücklich, dass der Electric nicht zum Schönwetter-Luxus-SUV degradiert wurde. Die Geländefähigkeiten sollen auf gewohnt hohem Niveau bleiben. Dazu gehört eine Wattiefe von bis zu 900 Millimetern.
Das ist eine Ansage. Schließlich dürfte ein Großteil der Kundschaft einen solchen Wasserstand eher aus dem Whirlpool als aus einem Offroad-Parcours kennen.

Auch der Single-Pedal-Modus wurde auf den Geländeeinsatz abgestimmt. Damit sollen Steigungen von bis zu 45 Grad bewältigt werden können. Der tiefere Schwerpunkt des Elektroantriebs kommt dabei ebenfalls zum Tragen. Ergänzt wird er durch eine Zweikammer-Luftfederung, die sowohl Komfort als auch Fahrdynamik verbessern soll.
Gerade hier besitzt der Elektroantrieb einen interessanten Vorteil: Die beiden Motoren können unabhängig voneinander sehr präzise geregelt werden. Das ermöglicht eine feinere Kraftverteilung, als sie mit einem klassischen mechanischen Antriebsstrang möglich wäre.
118,5 kWh Batterie für lange Strecken
Damit dem elektrischen Range Rover unterwegs nicht allzu schnell die Puste ausgeht, steckt im Unterboden eine 118,5 kWh große Hochvoltbatterie. Sie arbeitet mit einer 800-Volt-Architektur und verwendet eine sogenannte Double-Stack-Bauweise. Das Ergebnis kann sich zumindest auf dem Papier sehen lassen: Range Rover nennt eine WLTP-Reichweite von bis zu 600 Kilometern.
Beim Schnellladen soll die Hochvolttechnik ihre Stärken ausspielen. Von zehn auf 80 Prozent soll sich die Batterie an einem geeigneten Gleichstrom-Schnelllader in rund 22 Minuten bringen lassen. Alternativ sollen sich innerhalb von zehn Minuten rund 220 Kilometer WLTP-Reichweite nachladen lassen. Das klingt nach hohen Ladeströmen, die eine entsprechend kurze Ladezeit erst ermöglicht.
Dabei kommt ein sogenanntes Split-Charging-System zum Einsatz, das die Ladeleistung effizienter auf die Batterie verteilt. Natürlich gilt auch hier die alte Elektroauto-Weisheit: 600 Kilometer sind WLTP, nicht Autobahn bei 160 km/h im Januar mit Gegenwind und eingeschalteter Sitzheizung. Für einen Luxus-SUV dieser Größenordnung ist die angegebene Reichweite dennoch bemerkenswert.
Mehr als eine halbe Million Teststunden im Range Rover Electric
Die Entwicklung des Range Rover Electric wurde offenbar nicht mit dem berühmten britischen Prinzip „wird schon halten“ erledigt. Für die Erprobung wurden nach Angaben des Herstellers physisch Strecken zurückgelegt, die zusammengerechnet 38 Erdumrundungen entsprechen.
Hinzu kommen mehr als 250.000 virtuelle Teststunden. Damit wurde der Electric umfangreicher virtuell erprobt als jeder Range Rover zuvor. Besonders interessant ist die intensive Erprobung von Batterie, Antrieb und Thermomanagement. Denn ein Elektrofahrzeug im Luxussegment muss nicht nur Leistung liefern, sondern diese Leistung auch unter unterschiedlichsten Bedingungen reproduzierbar bereitstellen können.

Range Rover spricht deshalb von voraussichtlich rund 300 Patentanmeldungen für das neue Modell. Dazu zählen unter anderem das ThermAssist-Wärmemanagementsystem sowie die eigens entwickelte Batterie und die Elektromotoren.
Gefertigt werden diese Komponenten im britischen Electric Propulsion Manufacturing Centre von JLR.
Elektrifizierung ohne Scheuklappen
Der Range Rover Electric ist dabei kein isoliertes Technologieprojekt. Jaguar Land Rover verfolgt weiterhin eine flexible Antriebsstrategie und kombiniert Mild-Hybrid-, Plug-in-Hybrid-, Verbrenner- und Elektroantriebe.
Bemerkenswert: Die unterschiedlichen Antriebskonzepte basieren auf derselben Fahrzeugarchitektur und werden im britischen Solihull gefertigt, der Heimat des Range Rover seit seiner Einführung 1970.
Damit verabschiedet sich JLR nicht vom Verbrennungsmotor, sondern erweitert das Angebot um eine weitere Antriebsoption. Für einen Hersteller, dessen Fahrzeuge traditionell groß, schwer und leistungsstark sind, ist das durchaus nachvollziehbar. Schließlich lässt sich bei einem Range Rover elektrische Energie nicht nur zum Fahren, sondern auch zur Steigerung von Komfort, Laufruhe und Traktion einsetzen.
First Edition für den frühen Kunden
Zum Marktstart gibt es eine kuratierte First Edition. Sie ist in den Lackierungen Belgravia Green, Santorini Black und Varesine Blue erhältlich.
Im Innenraum kommen neue Materialien zum Einsatz, darunter Light Cloud Ultrafabrics PU und Kvadrat. Damit will Range Rover den bekannten Luxusanspruch in eine stärker nachhaltige Materialwelt überführen, ohne dass der Innenraum plötzlich den Charme eines veganen Wartezimmers versprüht.
Der Anspruch bleibt vielmehr derselbe: möglichst viel Ruhe, Komfort und Materialqualität.
Range Rover Electric startet ab 163.500 Euro
Der Einstieg in die elektrische Range-Rover-Welt beginnt in Deutschland bei 163.500 Euro. Dafür bekommt der Kunde allerdings nicht einfach einen großen Akku mit zwei Motoren, sondern das bislang technisch ambitionierteste Mitglied der Range-Rover-Familie.
Die First Edition dürfte entsprechend noch deutlich darüber liegen. Wer sich in dieser Preisregion bewegt, dürfte ohnehin weniger die Frage stellen, ob das Auto 20.000 Euro mehr oder weniger kostet. Interessanter wird die Frage sein, ob der elektrische Range Rover tatsächlich die Kombination aus Langstreckenkomfort, souveräner Fahrdynamik und echter Geländefähigkeit liefern kann, die seine Verbrenner-Brüder seit Jahrzehnten auszeichnet.
Eigene Meinung
Der Range Rover Electric wirkt gerade deshalb überzeugend, weil er nicht krampfhaft elektrisch aussehen will. Wenn die versprochene Kombination aus Reichweite, Komfort und echter Geländetauglichkeit in der Praxis hält, was die Technikdaten versprechen, könnte er zu den interessantesten Luxus-Elektro-SUVs seiner Generation gehören. Bei einem Einstiegspreis von 163.500 Euro bleibt allerdings auch die Erkenntnis: Elektrischer Fortschritt hat bei Range Rover weiterhin einen ausgesprochen exklusiven Eintrittspreis.
Quelle & Fotos: JLR / Text: NewCarz

Unser Chefredakteur erstellt seit 2015 schwerpunktmäßig Fahrberichte und testet alle Fahrzeuge akribisch – mit Liebe zum Detail – auf Herz und Nieren. Dabei entgeht ihm nichts. Seine Objektivität bewahrt er dabei kompromisslos. Robertos Spezialgebiete sind neben SUVs und Kombis die alternativen Antriebskonzepte. Sein Herz schlägt aber auch gern im V8-Takt.
