Der Genesis G90 ist in Europa nicht nur als LWB eine echte Rarität. Seit 2023 wurden nur wenige Dutzend Exemplare zugelassen, und die Langversion LWB ist noch einmal deutlich exklusiver.
Mit 5,47 Metern Länge erreicht die zweite, seit 2022 gebaute Generation exakt das Format eines Maybach und überragt damit die klassische Oberklasse von Audi, BMW oder Mercedes in ihren Langvarianten spürbar. Schon aus der Ferne kündigt der G90 an, dass er in einer eigenen Liga spielt – und das nicht nur wegen der schieren Größe, sondern wegen der Art, wie er Präsenz und Eleganz miteinander verbindet.
In diesem Test haben wir die Luxuslimousine aus Fernost in der kühl-vornehm wirkenden Außenfarbe „Capri Blue“ gefahren. Fahrbericht.
Das Wichtigste im Überblick
- Luxuslimousine mit exorbitanter Ausstattung und formidablen Platzverhältnissen aus Fernost.
- Hervorragend abgestimmtes Fahrverhalten sowie Fondkomfort auf höchstem Niveau.
- Für rund 128.000 Euro in diesem Segment fast ein Schnäppchen, welches aber leider nicht mehr in Europa angeboten wird.
- Exterieur
- Interieur
- Antrieb und Fahreigenschaften
- Ausstattung, Komfort & Technik
- Varianten und Preise
- Fazit
- Pro & Contra
- Technische Daten
Exterieur – Mondän bis an die Zähn‘
Der Auftritt des Genesis G90 LWB wirkt zugleich majestätisch und modern. Die breite Front mit den extrem schmalen, zweistufig arrangierten LED-Einheiten verleiht ihm eine unverwechselbare Signatur. Hunderte Mikrolinsen formen das Lichtbild und sorgen nicht nur für eine edle Ästhetik, sondern auch für hervorragende Sicht.





Die Zugehörigkeit ist eindeutig erkennbar und gewisse Ähnlichkeiten zum (allerdings spürbar) kleineren Bruder G80 unübersehbar.
Die Seitenansicht verlangt automatisch vom Betrachter, einige Schritte zurückzutreten, um die gesamte Länge erfassen zu können. Die Dachlinie ist sanft gezeichnet, fast geschmeidig, und verleiht dem großen Wagen eine überraschende Leichtigkeit.




Das Heck schließen zweigeteilte, durchgängige Leuchten das Design ab und der Heckdeckel geht in einen angedeuteten Spoiler über, der mehr wie eine Kuppel über dem Heck wacht. Dazu gibt es zwei harmonisch integrierte Endrohrblenden, bei den es sich um keine Attrappen handelt – ein würdiges Finale dieser automobilen Grandezza.
Interieur – Mobile High Society auf Asiatisch
Im Innenraum empfangen einen Materialien, die eher an Boutique-Hotels als an Serienautomobile erinnern. Holz, Leder, Metall – alles wirkt piekfein abgestimmt, extravagant, ja luxuriös und doch warm. Die Architektur gelang den Koreanern intuitiv, ohne die digitale Moderne zu vernachlässigen.





Vorne sitzt man auf ungemein bequemen Sitzen, deren Ergonomie selbst Koryphäen aus der Orthopädie in Verzückung geraten lässt. Unübersehbar erinnern diverse Bedienelemente an den Ursprung von Genesis: Hyundai & Kia lassen durchaus grüßen. Doch das wertet den Gesamteindruck keinesfalls ab.

Wirklicher Schauplatz dieser XXL-Limousine ist aber der Fond, denn als LWB ist der G90 ausnahmslos ein 4-Sitzer mit Fokus auf die zweite Reihe. Der rechte Einzelsitz verdient den Titel V.I.P-Sessel zu Recht: Er lässt sich nahezu in eine Relaxliege verwandeln, inklusive Fußmassage und vollwertiger Sitzklimatisierung.





Die ausladenden Fußräume erinnern eher an First-Class-Kabinen denn an ein Auto, und der hochflorige Teppich verstärkt diesen Eindruck zusätzlich. Zwei Entertainment-Displays sind integriert, wenngleich von moderater Größe, und die mächtige Mittelkonsole beherbergt zusätzliche Bedienelemente samt eines eigenen Touchscreens, um diverse Annehmlichkeiten aufzurufen.





Der Kofferraum öffnet und schließt selbstverständlich elektrisch – auch mit Fußgeste. Allerdings fällt dieser mit 368 Litern eher übersichtlich aus und die sehr minimalistisch geratene Durchlade ist eher Alibi als praktisches Gimmick. Doch bei einem Fahrzeug dieser Ausrichtung ist das kaum von Bedeutung.





Antrieb und Fahreigenschaften – Stille und Entspannung
Unter der Haube des Genesis G90 LWB arbeitet ein technisch aufwendiger 3.5-Liter-V6, der von zwei Turboladern und einem elektrisch betriebenen Kompressor unterstützt wird. 415 PS und 549 Newtonmeter schieben den G90 mühelos an, und dank 48-Volt-Mildhybridisierung reagiert der Antriebsstrang überraschend direkt.


Spürbar ist das bereits ab 1.300 Touren – also knapp über der Leerlaufdrehzahl – verfügbare maximale Drehmoment. Dadurch bleibt der Motor oft in angenehm niedrigen Drehzahlbereichen und bietet dennoch kraftvollen Vortrieb.
Die 8-Gang-Automatik wechselt die Gänge nahezu unmerklich und der Allradantrieb sorgt dafür, dass die Kraft jederzeit souverän auf die Straße kommt. In 5,4 Sekunden beschleunigt die fast zweieinhalb Tonnen schwere Limousine auf 100 km/h – ein Wert, der angesichts der Größe Respekt einfordert. Der Klang des Sechszylinders bleibt edel und zurückhaltend, was auch der hervorragenden Geräuschdämmung zuzuschreiben ist.

Das Fahrverhalten ist eine der größten Stärken dieses Luxusliners. Das Mehrkammer-Luftfahrwerk gleitet sanft über Unebenheiten hinweg, fängt Wankbewegungen wirksam ein und vermittelt selbst bei höheren Geschwindigkeiten eine beeindruckende Ruhe. Unterstützt wird das Ganze von einer präzisen Allradlenkung, die den Wendekreis spürbar verkleinert und dem G90 eine Handlichkeit verleiht, die man dem Format nie zugetraut hätte.

Die Bremsen packen kräftig zu und bleiben bei allen Gegebenheiten sehr gut dosierbar, und trotz seiner opulenten Erscheinung bleibt der G90 stets leichtfüßig genug, um nicht nur chauffiert, sondern auch gern selbst gefahren zu werden.
Auf der Autobahn sind bis zu 250 km/h möglich, doch am wohlsten fühlt sich der G90 rund 20 bis 30 Stundenkilometer über der Richtgeschwindigkeit, wo er seine Ausgewogenheit und Stille voll zur Geltung bringt.

Einziger Wermutstropfen: Die Darstellung im Infotainment und die bekannten Warntöne erinnern spürbar an den Konzern – funktional, aber in dieser Fahrzeugklasse hätte man sich einfach etwas mehr Exklusivität gewünscht.
Auf der Langstrecke zeigt der Genesis sein wahres Talent. Selbst Hunderte Kilometer am Stück meistert er ohne jede Anstrengung – für Fahrer und Passagiere gleichermaßen. Der Verbrauch überrascht dabei positiv: Im Drittelmix lagen wir bei 10,9 Litern pro 100 Kilometer und auf der Sparrunde sogar bei 6,7 Litern. Das ist für ein Fahrzeug dieser Leistungsklasse ein hervorragender Wert.


Wer den Luxusliner bei maximal rund 150 bis 160 km/h über die freie Autobahn „schweben“ lässt, bleibt knapp unter zehn Litern auf 100 Kilometer. So passiert, auf einer nächtlichen Tour über insgesamt knapp 500 Kilometer.
Ausstattung, Komfort & Technik – All inclusive
Die Ausstattung ist bei der LWB-Variante vollständig – es gibt keinerlei Optionen mehr. Alles, was im Segment Rang und Namen hat, ist hier serienmäßig an Bord.
Angefangen bei einem Rear-Seat-Entertainment mit zwei Bildschirmen geht es weiter mit einer Bang & Olufsen-Soundanlage, die mittels „Virtual Venue“ das Klangerlebnis berühmter Konzerthallen simulieren kann und die elegant designten Hochtöner bei jedem Fahrzeugstart elegant elektrisch aus der Instrumententafel fährt.





Weiterhin gibt‘s zwei Panoramaglasdächer, Soft-Close-Türen, eine Fingerabdruck-Authentifizierung, Matrix-LED-Licht mit einem homogenen, sehr hellen Lichtbild sowie einer blitzschnellen, wenn auch nicht zu feingranularen Ausblendung anderer Verkehrsteilnehmer, Innenraumbeduftung (mit verschiedenen austauschbaren Duftkartuschen im Handschuhfach), voll klimatisierte Sitze mit umfangreichen Massagefunktionen und selbst die Fußstützen im Fond werden beheizt, belüftet und massiert.





Dazu unterstützt eine ganze Heerschar an Assistenten den Chauffeur. Zu diesen Unterstützern gehören unter anderem ein adaptiver Tempomat mit Autobahnassistenten (arbeitete im Test fehlerfrei und sanft), ein Totwinkelassistent mit Kamerablick im Cockpit, ein Spurhalte-, Spurwechsel- und Ausweichassistent, ein Frontkollisionswarner mit Abbiege- und Kreuzungsassistent, ein automatisch bremsender Querverkehrswarner und viele weitere Helfer.






So gesehen, ein absolutes Wunschlos-Glücklich-Paket, welches allerdings auch keinen Platz für individuelle Wünsche freilässt. Ein Punkt, der in der Zielgruppe dieser Fahrzeugklasse keinen unerheblichen Grund spielt.
Was kostet ein Genesis G90 LWB?
Der Preis für so viel Luxus und Technik war überraschend: Genau 126.180 Euro verlangte Genesis für die Langversion – deutlich weniger als vergleichbar große oder sogar kleinere Konkurrenten aus Deutschland.
Zum Vergleich: Der Genesis G90 mit SWB – also „kurzem“ Radstand – ist nur einen Zentimeter kürzer als die aktuelle S-Klasse aus Stuttgart, kostete aber nur knapp über 112.000 Euro; das sind über 5.000 Euro weniger als für eine deutlich marginaler ausgestattete S-Klasse mit Allrad in vergleichbarer Motorisierung fällig werden.

Ein Maybach liegt mindestens 40.000 Euro über dem G90 LWB und bringt dann nicht etwa eine Vollausstattung, sondern die Grundausstattung mit. Der G90 war damit ein beeindruckendes Angebot. Richtig gelesen: war. Leider bleibt er ein Abschiedsgeschenk, denn Genesis hat den Verkauf in Europa eingestellt – zu geringe Nachfrage und die strengen CO₂-Regularien ließen leider keine Zukunft für dieses Modell zu.
Fazit – Abschied mit weinendem Auge
… und keinem zugleich lachenden. Denn unterm Strich präsentiert sich der Genesis G90 LWB als rollende Luxuslounge mit enormem Platzangebot, einer außergewöhnlich stimmigen Fahrkultur, Vollausstattung und einem souveränen Auftritt, der nicht protzt, sondern beeindruckt. Der Antrieb erwies sich als solide, effizient und für einen solchen Boliden erstaunlich kräftig.

Was ihm fehlt, ist allein der Ruf – nicht jedoch die Substanz. Wer jemals in diesem Auto reisen durfte, weiß, wie schade es ist, dass er hierzulande kaum eine Chance hatte. Denn der G90 ist in jeder Hinsicht ein würdiger Gegner der etablierten Oberklasse – und in manchem sogar deren eleganteste Alternative.


Ob es ein Abschied für immer ist? Wir wissen es nicht und es wäre müßig, in der Glaskugel dahingehend Antworten zu suchen. Insbesondere in der aktuellen Zeit, in der es nicht selten mal Hüh (Verbrennerverbot) und dann wieder Hott (Verbrenner sollen bleiben) heißt, ist es besonders schwer eine einigermaßen verlässliche Prognose abzugeben. Das ist nicht nur für uns Journalisten schwierig, sondern auch für alle Hersteller.












Text & Fotos: NewCarz
Pro & Contra
Pro:
- überaus elegante Erscheinung mit Abgrenzungspotenzial
- exquisites Material- und Verarbeitungsniveau
- leistungsstarker und reaktionsschneller Antrieb
- luxuriöser Fondkomfort mit enormem Platzangebot
- ausgezeichnete Fahrdynamik trotz Größe & Gewicht
- im Konkurrenzvergleich hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis
Contra:
- nicht vollständig individualisiertes Infotainment
- begrenzter Kofferraum und geringe Zuladung
- kein Anhängerbetrieb möglich
- wird in Deutschland nicht mehr angeboten
Konkurrenz: Maybach, Bentley Flying Spur, Audi A8, BMW 7er, Mercedes-Benz S-Klasse
Technische Daten: Genesis G90 LWB 3.5T V6 AWD
- Farbe: Capri Blue Metallic
- Fahrzeugklasse: Oberklasse / Limousine
- Länge x Breite x Höhe (m): 5,47 x 1,93 (2,17 mit Außenspiegel) x 1,49
- Radstand (mm): 3.370
- Antrieb: V6 Biturbo-Ottomotor mit elektrischem Kompressor und OPF
- Hubraum (ccm): 3.470
- Hybridart: Mild-Hybrid
- max. Leistung: 305 kW (415 PS) bei 5.800 rpm
- max. Drehmoment (Nm): 549 ab 1.300 bis 4.500 rpm
- Getriebe: 8-Gang-Automatik
- Antriebsart: Allrad
- Durchschnittsverbrauch (WLTP): 11,0 l/100 km
- Durchschnittsverbrauch (NewCarz): 10,9 l/100 km
- CO2-Emissionen (Werksangabe): 248 g/km
- Abgasnorm (WLTP): 6d-ISC-FCM
- Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h
- Beschleunigung von 0 auf 100 km/h (sec): 5,4
- Wendekreis (m): 11,9
- Bodenfreiheit (mm): 148
- Kofferraumvolumen (l): 368
- Leergewicht (kg): 2.470
- Zuladung (kg): 370
- max. Anhängelast ungebremst/gebremst (kg): –
- max. Stützlast (kg): –
- max. Dachlast (kg): 100
- Tankgröße (l): 73
- Kraftstoffart: Benzin E5/E10 mind. 95 Oktan
- ehem. Neupreis des Testwagens: 126.180 Euro (Basispreis LWB: 126.180 Euro)

Unser Chefredakteur erstellt seit 2015 schwerpunktmäßig Fahrberichte und testet alle Fahrzeuge akribisch – mit Liebe zum Detail – auf Herz und Nieren. Dabei entgeht ihm nichts. Seine Objektivität bewahrt er dabei kompromisslos. Robertos Spezialgebiete sind neben SUVs und Kombis die alternativen Antriebskonzepte. Sein Herz schlägt aber auch gern im V8-Takt.
