Der Hyundai IONIQ 5 N ist seit rund anderthalb Jahren auf dem Markt und definitiv kein Elektroauto, das um Akzeptanz bittet. Es fordert sie ein – mit Nachdruck.
Während viele Stromer versuchen, Fahrspaß eher zu erklären als zu liefern, geht Hyundai mit dem ersten vollelektrischen N-Modell einen anderen Weg: volle Attacke, volle Emotion, volle Leistung.
Das „N“ steht hier nicht als Marketing-Zierde auf der Heckklappe, sondern als Verpflichtung. Rennstrecke, Dynamik, Begeisterung – all das soll auch ohne Endrohre, Kupplung und Benzingeruch funktionieren.
Und genau hier setzt der IONIQ 5 N an: Er will beweisen, dass Elektromobilität nicht nur lokal emissionsfrei, sondern auch verdammt unterhaltsam sein kann. Wir waren ja nach der Verkündung des N-Modells bereits so gespannt, und nun endlich wollten wir all das überprüfen und fuhren für einen ausgiebigen Test den mit ebendiesem „N“ gekennzeichneten Stromer in der entzückenden Außenfarbe Performance Blue matt, die mit 1.050 Euro faktisch als Schnäppchen unter den Mattfarben durchgeht. Fahrbericht.
Das Wichtigste im Überblick
- Extrem performanter E-Sportler mit uneingeschränkter Alltagstauglichkeit und umfassender Ausstattung.
- Extrem vom Fahrstil abhängiger Verbrauch – wer die Power nutzt, muss oft nachladen.
- Beim Aufladen ist der IONIQ 5 N blitzschnell wieder auf 80 %, was die Reichweitenproblematik etwas entschärft.
- Exterieur
- Interieur
- Antrieb und Fahreigenschaften
- Verbrauch, Aufladen & Reichweite
- Ausstattung, Komfort & Technik
- VWas kostet der Hyundai IONIQ 5 N?
- Fazit
- Pro & Contra
- Technische Daten
Exterieur – Dynamisches N-gagement
Schon von außen macht der IONIQ 5 N klar, dass er mit dem braven Design seines zivilen Bruders nur noch die Grundform teilt.





Breitere Kotflügel, aggressive Stoßfänger, ein markanter Diffusor und ein ausgewachsener, aber nicht übertriebener Heckspoiler sorgen für ein Erscheinungsbild, das mehr Rennstrecke als Innenstadtflair versprüht.




Die 21-Zoll-Räder füllen die Radhäuser satt aus, während rote Akzente (Insider wissen dadurch längst Bescheid) und dunkle Details unmissverständlich klarmachen: Hier geht es um Performance.
Interieur – N-zyklopädie der Sportlichkeit
Im Innenraum trifft futuristisches IONIQ-Design auf echte Motorsport-Attitüde. Die tief montierten Sportschalensitze packen ordentlich zu, ohne im Alltag unbequem zu werden. Alcantara, blaue Kontrastnähte und N-Logos schaffen die passende Atmosphäre, während das digitale Cockpit mit speziellen Performance-Anzeigen glänzt.





Leistungsabruf, Temperaturmanagement, Drehmomentverteilung, Rundenzeiten – wer möchte, kann sich hier tief in die Technik eingraben. Dadurch behält der geneigte Pilot stets umfassenden Überblick über sein vollelektrischen Asphaltterrier, der sich ganz wie sein Hunde-Pendant mit Vehemenz in etwas verbeißen kann – hier meist in den Asphalt.



Und trotzdem bleibt der 5 N alltagstauglich: gute Übersicht, ordentlich Platz auf vorne echten Sportsitzen mit überzeugender Halteambition und ein Kofferraum, der auch jenseits des Trackdays ohne jede Einschränkung nutzbar bleibt.





Mindestens 480 und maximal 1.540 Liter können mit dem Sprintefix transportiert werden. Aber bitte schön alles stets hochfest und sicher verzurren! Einen Frunk wie bei seinen zivilen Geschwistern sucht man beim „N“ vergeblich, da der Platz unter der vorderen Haube für die zusätzliche Technik genutzt wird.
Antrieb und Fahreigenschaften – Stromer mit Benzin im Blut?
Der IONIQ 5 N hat mächtig Dampf unter der Haube. Pro Achse ein Elektromotor, Allradantrieb und eine Systemleistung, die je nach Modus kurzzeitig auf 650 PS klettert. Doch gehen wir ins Detail: Der stärkere E-Motor der beiden sitzt an der Hinterachse und leistet da bereits beeindruckende 412 PS sowie 400 Newtonmeter – letztere wie üblich bei E-Motoren, ab der ersten Umdrehung. An der Vorderachse werkelt ein 238 PS starker E-Motor mit 370 Newtonmetern.

In Summe leistet das Duo 609 PS, die per N Grin Boost (ein Knopfdruck am Lenkrad „zündet“ das Inferno) für zehn Sekunden auf 650 PS aufgestockt werden können. Dazu muss der Akku allerdings mehr als 40 Prozent geladen sein. Neben den drei Fahrmodi ECO (ja, den gibt’s auch im „N“), Normal und Sport, gibt’s hier noch zwei N-Fahrprogramme, die nochmals schärfer abgestimmt wurden und zudem individuell eingestellt werden können.


Der Hyundai IONIQ 5 N ist der stärkste Serien-Hyundai aller Zeiten. Und das spürt man sofort. Der Antritt ist brachial, aber nicht unkontrolliert. Statt roher Gewalt liefert der 5 N eine präzise dosierbare Kraftentfaltung, die dank Allrad und Differenzialsperre an der Hinterachse selbst bei Nässe beeindruckend sauber auf den Asphalt gebracht wird. Nicht so akkurat wie mit einem Taycan Turbo S, aber deutlich, nein, um Welten präziser als es ein BYD Han umsetzt.
Der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt in 3,5 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 260 km/h – Werte, die ihn klar ins Sportwagen-Territorium katapultieren. Doch viel spannender ist, wie er diese Leistung vermittelt: Das speziell abgestimmte adaptive N-Fahrwerk, die breitere Spur und die verstärkte Karosserie sorgen für ein Fahrgefühl, das überraschend leichtfüßig wirkt.

Die Lenkung ist direkt und vermittelt ein sehr sicheres Handling. Ebenso die Bremsanlage, die bei Bedarf kinetische Restmengen in Reibungswärme verpuffen lässt, deren Temperaturen wohl der der Sonnenoberfläche nahekommen.
Ein echtes Highlight sind die Fahrmodi plus den N-Varianten davon. Von entspanntem Alltagsstromer bis zum kompromisslosen Tracktool lässt sich der Charakter dieses Stromers drastisch verändern. Dabei geht vom flüsterleisen Cruiser bis zum Tracktool, der selbst bösen Sportwagen durch seine brachialen Beschleunigungsinfernos das Heulen lehrt.

Der Clou: Wer möchte, aktiviert simulierte Gangwechsel, künstliches Zwischengas, spürbare Schaltrucke und einen synthetischen Motorsound, was in Summe verblüffend nah an ein Verbrenner-Gefühl herankommt – inklusive Drehzahlmesser! Falls manche das vielleicht als Spielerei abtun, probiert dies aus und ihr werdet überrascht sein, wie nahe das sich an einem echten Verbrenner anfühlt.

Einmal aktiviert, möchte man nicht mehr ohne fahren!
Diesen Bordbucheintrag fanden wir zu ebendieser Verbrennersimulation („N e-Shift“ genannt) und kam auch als Tenor von allen anderen Testfahrern als Feedback. Lediglich der Fakt, dass N e-Shift nach jedem Fahrzeugstart erneut aktiviert werden muss, fanden einige Testfahrer weniger gut.
Verbrauch, Reichweite & Aufladen mit dem Hyundai IONIQ 5 N
Effizienz und Verbrauchsverhalten sind bei einem Sportwagen und damit auch beim Hyundai IONIQ 5 N sicherlich von sekundärer Bedeutung – und das merkt man. Im sportlichen Betrieb liegt der Verbrauch deutlich über dem Durchschnitt klassischer E-Autos. Wie drücken wir es aus? Nun, dieses N-Modell liefert ab, immer. Aber das kostet Strom, immer.


Vollgasorgien auf nächtlicher leergefegter und freigegebener Autobahn ließen das Stromkontingent der 84 kWh großen Batterie mit über 50 kWh pro 100 Kilometer auf weniger als 150 Kilometer verkochen – dabei ist man nie unter Tempo 200 unterwegs – doch der Preis dafür ist sehr hoch: Reichweite.
Im Drittelmix bei alltäglichem Einsatz und dem vereinzelten sportiven Überholvorgang genehmigte sich der IONIQ 5 N genau 27 kWh auf 100 Kilometer. Wer es dagegen ruhig angeht wie wir auf der Sparrunde, kann den Verbrauch spürbar senken: 14,8 kWh auf 100 Kilometer. Der 5 N ist also kein hoffnungsloser Energiefresser, sondern stark fahrstilabhängig

Die Reichweite wurde bei der Übergabe des vollständig geladenen Testfahrzeugs mit nicht einmal 300 Kilometern angegeben, was uns erst einmal schockierte. Dass dies durchaus noch zu optimistisch war, mussten wir später feststellen. Aber wenn nicht dauernd das Gaspedal malträtiert wird, pendelt sich die Reichweite durchaus im Bereich von 300 bis 400 Kilometern ein. Wer aber das volle Potenzial regelmäßig abruft, wird deutlich früher wieder laden müssen.


Dafür glänzt der IONIQ 5 N an der Ladesäule, denn dank 800-Volt-Technik lädt er extrem schnell. Hyundai gibt den maximalen Ladestrom mit 260 kW an – wir haben diesen Wert mit 265 kW sogar toppen können – der zweite Tiefstapler in diesem Fall.




An einem leistungsfähigen Schnelllader war dadurch das Laden von 10 bis 80 Prozent in 19 Minuten erledigt – eine Minute länger als Hyundai verspricht, was dennoch superschnell ist und für angenehm kurze Ladestopps sorgt. Eine komplette Ladung dauerte 51 Minuten, weil die Ladekurve ziemlich früh sehr stark abfällt. Wäre diese etwas flacher, könnten noch viele Minuten eingespart werden.
So aber empfiehlt es sich, den Ladevorgang nach Erreichen der 80 Prozent abzubrechen, da das Warten nicht wirklich lohnt. AC-Laden von zehn bis 100 Prozent erfolgt mit bis zu 11 kW und dauert dann knapp acht Stunden – über Nacht ist dies sicher absolut problemlos.
Ausstattung, Komfort & Technik
Trotz klarer Performance-Ausrichtung verzichtet Hyundai auch beim N-Modell des IONIQ 5 nicht auf Komfort und Sicherheit. Der IONIQ 5 N ist umfangreich ausgestattet und bringt nahezu alles mit, was man im Alltag erwartet.
Dazu gehören unter anderem eine in der Praxis gut funktionierende und sanft reagierende adaptive Temporegelung inklusive Autobahn- und Spurassistent, dazu umfangreiche Sicherheits- und Notbremssysteme, hochwertige Kamera- und Sensorik sowie ein kräftiges Soundsystem aus dem Hause Bose mit einem entsprechend druckvollen und dynamischen Auftritt.

Die Assistenzsysteme arbeiten zuverlässig und meist angenehm zurückhaltend – lediglich die akustischen Hinweise könnten etwas weniger mitteilsam sein.
Das Matrix-LED-Scheinwerferlicht lieferte überdurchschnittlich helles und homogenes Licht, während das automatische Ausblenden anderer Verkehrsteilnehmer mit Ausnahme von auf der Autobahn entgegenkommender Lkws (von denen nur die Begrenzungslichter zu sehen sind) zügig und fehlerfrei funktionierte.





Unser Testwagen besaß obendrein das 1.500 Euro teure Sitzpaket, durch das die Stoff-Lederbezüge durch eine Alcantara-Lederkombination ausgetauscht werden und zur serienmäßigen Sitzheizung der Vordersitze auch eine Sitzbelüftung hinzukommt. Das obligatorische „N“ in den Sportschalensitzen wird bei Dunkelheit beleuchtet.
Was kostet der Hyundai IONIQ 5 N?
Mit einem Einstiegspreis von 74.900 Euro ist der IONIQ 5 N in der Leistungsklasse knapp unter den Supersportwagen ein echtes Schnäppchen. Denn gemessen an Leistung, Technik, Ausstattung und Ladeperformance positioniert er sich deutlich unter vielen elektrischen Konkurrenten mit ähnlichen Ambitionen.

Die optionalen Extras sind überschaubar; neben dem erwähnten Sitzpaket, einer von neun Sonderfarben und einem Panoramaglasdach ist der Preis bei 78.750 Euro als Maximum für diesen Sportstromer erreicht. Damit bleibt er im Konkurrenzvergleich erstaunlich bodenständig – zumindest in dieser Leistungsklasse.
Fazit – Überzeugender N(d)-Boss
Der Hyundai IONIQ 5 N hat im Test in jeder Hinsicht überzeugt, denn er ist mehr als „nur“ ein schneller Stromer. Er ist ein Statement auf Rädern, der sogar als Elektroauto in der Lage ist, emotionales Fahren für alle Sinne zu sichern (Stichwort N e-Shift!). Damit ist er im Grunde der Beweis, dass Fahrspaß nicht zwangsläufig am Auspuff enden muss.

Er kombiniert brachiale Leistung mit echter Fahrdynamik, bietet eine beeindruckende Bandbreite zwischen Alltag und Rennstrecke und schafft es dabei, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Ja, er ist „durstig“ und ja, er wirkt im Vergleich zum konventionellen IONIQ 5 teuer. Aber suchen Sie doch mal ein Auto mit 650 PS und vergleichen Sie dann die Preise.

Über Reichweite bei einem Sportwagen zu lamentieren ist müßig, daher sehen wir das auch hier nicht so eng wie sonst. Schließlich diskutiert ja auch kein Käufer eines Bentley Continental mit dem Händler über dessen homöopathische Effizienz, oder?
Zudem liefert der Hyundai IONIQ 5 N etwas, das viele Elektroautos vermissen lassen: Charakter und immense Power. Wer ein E-Auto sucht, das nicht nur schnell, sondern in jeder Hinsicht auch mitreißend ist, findet im IONIQ 5 N einen der aktuell spannendsten Vertreter seiner Art.
Text & Fotos: NewCarz
Pro & Contra
Pro:
- extrem starke und gut kontrollierbare Performance
- beeindruckendes Fahrwerk und präzise Lenkung
- außergewöhnlich emotionale N-Fahrmodi
- ultraschnelles Laden dank 800-Volt-Technik
Contra:
- extrem hoher Verbrauch bei sportlicher Fahrweise
- Preis im Premium-Segment
- Reichweite bei Vollgas deutlich eingeschränkt
Konkurrenz: Kia EV6 GT, Tesla Model 3 Performance, MG4 X-Power, BMW i4 M60, Ford Mustang Mach-E GT, Porsche Taycan 4S
Technische Daten: Hyundai IONIQ 5 N
- Farbe: Performance Blue Matt Metallic
- Fahrzeugklasse: Mittelklasse / SUV
- Länge x Breite x Höhe (m): 4,72 x 1,94 (2,12 mit Außenspiegel) x 1,59
- Radstand (mm): 3.000
- Antrieb: 2 x Permanent Synchronmaschinen (PSM)
- max. Systemleistung: 478 kW (650 PS)
- max. Systemdrehmoment (Nm): 770
- Getriebe: 1-Stufen-Reduktionsgetriebe
- Antriebsart: Allrad
- Durchschnittsverbrauch (WLTP): 21,2 kWh/100 km
- Durchschnittsverbrauch (NewCarz): 27,0 kWh/100 km
- CO2-Emissionen (Werksangabe): 0 g/km
- Batterie netto (kWh): 84
- Abgasnorm (WLTP): Elektroauto
- Höchstgeschwindigkeit: 260 km/h
- Beschleunigung von 0 auf 100 km/h Werksangabe/gemessen (sec): 3,5/3,8
- Ladeanschluss: CCS + Typ 2 (hinten rechts)
- Elektrische Reichweite Werksangabe/gemessen (km): 448/342
- Max. Ladestrom DC Werksangabe/gemessen (kW): 260/265
- Ladezeit DC bis 80 % Werksangabe/gemessen (min): 18/19
- Ladezeit AC bis 100 % max. 11 kW Werksangabe (min): 455
- Wendekreis (m): 12
- Bodenfreiheit (mm): 142
- Kofferraumvolumen (l): 480 bis 1.540
- Leergewicht (kg): 2.275
- Zuladung (kg): 385
- max. Anhängelast ungebremst/gebremst (kg): –
- max. Stützlast (kg): –
- max. Dachlast (kg): 80
- Kraftstoffart: elektrischer Strom
- ehem. Neupreis des Testwagens: 77.390 Euro (Basispreis als N: 74.900 Euro)

Unser Chefredakteur erstellt seit 2015 schwerpunktmäßig Fahrberichte und testet alle Fahrzeuge akribisch – mit Liebe zum Detail – auf Herz und Nieren. Dabei entgeht ihm nichts. Seine Objektivität bewahrt er dabei kompromisslos. Robertos Spezialgebiete sind neben SUVs und Kombis die alternativen Antriebskonzepte. Sein Herz schlägt aber auch gern im V8-Takt.

Und wenn der aus Röhren am Heck qualmen würde um einen Verbrenner nachzuahmen, es bleibt eine Elektroschachtel. Nie würde ich mir so einen als Sportwagen holen. Da liebe ich mir meinen i30 N!