Freitagmorgen, irgendwo im Nirgendwo zwischen Hunsrück und Hubraum: Das Triwo Test Center Pferdsfeld erwacht. Wo früher NATO-Piloten den Nachbrenner zündeten, röhrt jetzt italienisches Temperament durch die Kurven – stilecht, mit viel Pathos, ein bisschen Benzin im Blut und der nötigen Portion Selbstironie.
Alfa Romeo hatte zum „Giornata dell’Alfa Romeo“ geladen – dem Vorevent des traditionsreichen Pista & Piloti – und fuhr zum 115-jährigen Jubiläum alle Register auf: Von stromgeführtem Stadtflitzer bis zum hemdsärmeligen Spider. Und dazwischen? Viel Emotion, viel Geschichte – und die eine oder andere Überraschung.
115 Jahre Alfa Romeo – Die Seele einer Marke
Man kann Autos bauen. Und man kann Alfa Romeo bauen. Seit dem 24. Juni 1910 stehen diese fünf Buchstaben nicht einfach nur für Fahrzeuge, sondern für eine Lebenseinstellung. Alfa Romeo (= Anonima Lombarda Fabrica Automobili) ist Leidenschaft, Racing-DNA und manchmal auch Drama. Und genau das macht die Marke so einzigartig. Auf dem Gelände in Pferdsfeld spürte man diese Historie – in Form von liebevoll restaurierten Klassikern, enthusiastischen Besitzern und einer Pressekonferenz, bei der zwischen den Zeilen mindestens genauso viel gesagt wurde wie in den offiziellen Statements.


Die Marke blickt zurück auf ein bewegtes Jahrhundert – und hat dennoch den Blick fest nach vorn gerichtet. Zwischen Giulia, Spider und Tonale blitzten Zukunftsvisionen durch, die vor allem eines klarmachten: Der Mythos lebt. Und wie.
Der Alfa Romeo Junior Elettrica – Strom mit Stil
Elektrisch? Ja. Langweilig? Keineswegs – zumindest nicht, wenn man es italienisch angeht. Der neue Alfa Romeo Junior Elettrica will kein Sportwagen sein – und das merkt man ihm auch an. Die getestete Basisversion mit 156 PS, Frontantrieb und Rosso Brera-Lackierung tritt als stylischer Großstadt-Sympathieträger auf. Kein fauchender Kurvenräuber, sondern ein charmanter Kumpel mit scharfem Blick, feiner Lenkung und einem Fahrwerk, das den Alltag abfedert wie ein guter Espresso den Morgen.



Die nackten Zahlen – 9 Sekunden von 0 auf 100 km/h, 150 km/h Spitze – mögen auf dem Papier keine Jubelstürme auslösen. Doch was dem Junior an Schärfe fehlt, macht er mit Charakter wett. Die Plattform stammt aus dem Stellantis-Baukasten, aber Alfa wäre nicht Alfa, hätte man sie nicht liebevoll „veritalienisiert“. Und das merkt man: Die Lenkung ist direkt, die Verarbeitung hochwertig, das große Panorama-Glasdach ein echter Hingucker (und eine echte Empfehlung der Redaktion!). Preislich startet der Elettrica bei 41.500 Euro, das getestete Exemplar bringt es auf 45.875 Euro – fair für die gebotene Ausstattung.




Wer es knackiger will, greift zum Junior Veloce, der mit 240 PS deutlich energischer zur Sache geht. Oder man greift auf den Ibrida Q4 mit Allrad zurück – für alle, die lieber auf Traktion als auf Reichweite setzen. Egal, wie man’s dreht: Der Junior ist gekommen, um zu bleiben. Und das ist auch gut so.
Der Alfa Romeo 4C Spider – Carbon, Klang und kein Pardon
Wenn der Junior der urbane Charmeur ist, dann ist der Alfa Romeo 4C Spider der durchtrainierte Bad Boy im Muscle-Shirt – kompromisslos, laut und ein bisschen verrückt. 240 PS, 1.000 Kilo Leergewicht, Mittelmotor, keine Assistenzsysteme, keine Servolenkung, aber dafür ein Carbon-Monocoque, das aussieht, als hätte jemand bei Pagani angerufen.



Der 4C ist kein Auto, er ist ein Erlebnis. Der Spider Italia, Baujahr 2018, lackiert in einem betörenden Misano-Blau (kennen wir vom Stelvio Facelift und fanden es dort auch wunderschön), macht schon im Stand klar, dass hier keine weichgespülte Zeitgeistkarikatur auf der Bühne steht. Hier geht’s um’s Fahren. Punkt.
Sitzt man einmal in den engen Schalensitzen (Alpine-Radio inklusive, aber zwecklos – der Motor übernimmt den Soundtrack), spürt man jede Bodenwelle, jede Kurve, jeden Gangwechsel. Und man liebt es. Der 4C ist puristisch, direkt, fast brutal – eine Erinnerung daran, wie aufregend Autofahren einmal war, bevor Touchscreens, Spurhalteassistenten und Digitalisierung alles glattbügelten.



Kostenpunkt damals: 78.500 Euro. Heute? Fast unbezahlbar – emotional sowieso. Wer einmal drin saß, will nicht mehr raus. Und wer raus muss, fragt sich, ob er nicht doch Platz im Wohnzimmer dafür findet.
Alfa Romeo Modelle 2025 – Die aktuelle Aufstellung
115 Jahre Alfa Romeo – in über einem Jahrhundert ist viel passiert. Dennoch fühlen sich die Italiener dem Heritage verpflichtet und sind übrigens einer der wenigen Hersteller, die recht lange Produktlebenszyklen vorweisen können – mit Erfolg.
Giulia und Stelvio laufen weiter – letzterer bekommt bald ein neues Kleid. Der Tonale wird noch 2025 ein Facelift spendiert bekommen, um die Lücke zwischen Kompakt- und Mittelklasse noch feiner zu füllen. Und der neue Junior bringt frischen Wind ins Portfolio. Die Modellpalette wirkt durchdachter denn je – Alfa zeigt sich aufgeräumt, zukunftsorientiert und doch der eigenen DNA verpflichtet.




Auch in Sachen Elektrifizierung macht Alfa Romeo ernst – aber mit italienischem Stil. Wer rein elektrisch fahren will, greift zum Junior. Wer lieber den Verbrenner präferiert, bekommt mit der Giulia oder dem Stelvio weiterhin zwei exzellente Alternativen. Und der Tonale? Spielt weiterhin die Brücke zwischen beidem.
Quadrifoglio – Die Legende bleibt
Kleeblatt-Fans können durchatmen: Das Quadrifoglio-Label bleibt. Zwar wird der nächste große Performance-Wurf noch etwas auf sich warten lassen, aber zwischen den Zeilen der Pressekonferenz ließ sich heraushören: Alfa hängt am Verbrenner. Und an seinen Legenden. Man möchte sie nicht aufgeben, sondern weiterentwickeln.




Ob das ein elektrisches Quadrifoglio sein wird oder doch noch einmal ein letzter großer Sechszylinder-Showdown – das ließ man offen. Aber eins ist klar: Das Kleeblatt ist nicht welk. Es gedeiht weiter.
Fazit – Mehr als nur ein Autohersteller
Alfa Romeo feiert 115 Jahre – nicht mit einer pathetischen Gala, sondern mit Asphalt, Gummi und Emotion. Das Event in Pferdsfeld war alles andere als ein staubiger Rückblick. Es war eine Liebeserklärung an die eigene Geschichte – und ein klares Zeichen in Richtung Zukunft.
Zwischen elektrischer Leichtigkeit im Junior Elettrica und puristischer Fahrfreude im 4C Spider zeigte sich, was Alfa Romeo heute ausmacht: Leidenschaft, Mut zur Eigenständigkeit – und ein unnachahmliches Gespür für das, was Autofahren eigentlich sein sollte.
Abschließend lässt sich sagen: Alfa Romeo ist keine Marke für alle. Muss sie auch nicht sein. Denn wer einmal eingestiegen ist, merkt schnell: Vernunft kann warten – Leidenschaft nicht. Für alle, die diese Meinung teilen (oder sich einfach schöne Autos anschauen), haben wir nachfolgend eine kleine, aber feine Galerie kreiert.
Text: NewCarz
Fotos: NewCarz / Alfa Romeo
Kamera: Canon EOS 6D



















Sorgt seit 2015 stets für den „Nachschub“ an automobilen Neuigkeiten, ob als Modellpremieren, Modellpflege oder strategische Neuausrichtung von Herstellern – um nur einige zu nennen. Sein enger Draht zu den Herstellern ist ein Garant für brandneue Informationen und Autonews aus erster Hand. Seine automobile Vorliebe gehört vor allem den gut motorisierten Cabrios und Coupés dieser Welt.
